11. November 2013

Paradies - Liebe (Ulrich Seidl) 7,4



Nach dem ultimativen Meisterwerk Import Export hat sich Ulrich Seidl lange Zeit gelassen und an einem Megaprojekt gearbeitet, einem Werk über drei miteinander verwandte Frauen (genauer gesagt, zwei Frauen und ein Mädchen), die jeweils ihren eigenen (Leidens?)Weg gehen und dabei offensichtlich das Paradies suchen..

Nachdem Seidl gemerkt hat, dass dieses Werk ausufern würde, hat er sich entschlossen, drei separate Filme daraus zu machen, die innerhalb äußerst kurzer Zeit veröffentlicht werden. Unter anderem hat ihm das den Rekord eingebracht, mit drei Filmen in den direkt aufeinanderfolgenden Wettbewerben der drei A-Festivals Cannes, Venedig und Berlin vertreten zu sein. Ob es wirklich drei komplette Filme gebraucht hat, oder dieses Projekt ein bisschen die Stellung eines herausragenden Filmautors ins Wackeln bringt, muß sich nun zeigen (um es vorwegzunehmen, ist Seidls Entscheidung nicht völlig aufgegangen).


Im ersten Film der Trilogie geht es um die Liebe und die verzweifelte Suche nach ihr. Theresa, die in einem Autodrom arbeitet (in dem zu Beginn eine Gruppe geistig behinderter Menschen ihren Spaß haben – in der knallharten Konfrontation des Publikums, „Lachen und/oder sich sehr unwohl fühlen“, eine Parade-Szene für das Werk Seidls), verabschiedet sich von ihrer Tochter (die Hauptperson des dritten Films Hoffnung), die sie zu ihrer Schwester gebracht hat (Hauptperson des zweiten Teils Glaube) Richtung Kenia, wo bereits Freundin Inge wartet, die die schwarzen Beachboys dort zum Ablecken und Reinbeißen findet.

Seidl scheint in der ersten Hälfte seines Films noch mehr in die Groteske zu wollen, als in vorherigen Werken wie Hundstage. Und die absurden Tableaus in dieser Phase sind auch höchst komisch, zumindest wenn man sich auch traut, bei diesen irritierenden Momenten, die das Geschäft der Sexarbeit fern vom „bürgerlichen“ Europa sowie Geschlechterverhältnisse karikieren, im Kino zu lachen.

Das, was Seidl will, ist immer noch sehr gut und sehr richtig, sein Stil und seine Herangehensweise unnachahmlich, aber sein Kino wirkt auch langsam erschöpft; vor allem dieser Film, je weiter er fortschreitet. Am deutlichsten macht das auch die Orgie am Ende – hier glaubt man sich teilweise schon in einem Larry Clark Film; während Seidl z.B. die unerträglich tragische Intensität einer ähnlichen Szene bei "Import Export" nicht wieder erreicht.

Der Ausklang des Films ist dennoch gut gelungen: der nüchterne Blick auf das vermeintliche Paradies, auf eine Welt, die von Machtverhältnissen dominiert und für immer geprägt ist...sie sind hier umgedreht im Sinne von ausgebeuteter Mann – ausbeutende Frau, nicht jedoch das Verhältnis weiß-schwarz...

7. November 2013

Livide (Alexandre Bustillo & Julien Maury) 8,25








"À l'interieur" habe ich nie gesehen, bei "Livide" hatte ich höchstens die Hoffnung, mal wieder einen recht netten Horror-Film zu sehen. An die außergewöhnliche Qualität von französischen Werken wie Vinyan von Fabrice du Welz oder "Martyrs" von Pascal Laugier hatte ich gar nie gedacht, am Ende wird die aber mit dieser wahnwitzigen, zauberhaften Surrealhorror-Fantasie fast erreicht.

Die Stimmung sehr creepy, die Ausstattung einfallsreich entrückt, diese alte Frau mit der Gasmaske...eine Stunde lang wird an der Spannungsschraube gedreht, zunächst noch wenig besonders, doch kurz bevor das Grauen im Haus dann endlich losbricht, ist es schon enorm spannend. (Ich muß in solchen Momenten gebetsmühlenartig wiedergeben, 'so etwas wie Blair Witch Project kommt natürlich nie wieder', aber das hier kommt in punkto Beklemmung und Intensität zumindest in die Nähe).

Irgendwann muss natürlich dann doch der/die erste dran glauben, und man kennt nun „das Böse“. Damit hätte man sich von der letzten halben Stunde nicht mehr allzu viel erwarten können, doch was dort passiert, ist eine seltene Poesie des Grauens, von einer Fantasie und einer Lust am Haken schlagen und von einer Freude, Bilder von „entrückter Schönheit“ sprechen zu lassen durchzogen, dass man Livide tatsächlich zu den absoluten Highlights zählen kann.

Am Ende dreht der Gaul schon ordentlich durch, aber solange man den Film nicht streng analytisch, sondern mit einem Herz für (manchmal auch an düstere Videoclips erinnernde) Ästhetik schaut, ist das alles kein Problem. Frankreich bleibt wohl das Land der Wahl für Horrorfilme derzeit, hoffentlich reißt diese kreative Energie nicht so bald ab.

5. November 2013

Tabu (Miguel Gomes) 7,9



Wie es ab und zu so passiert, können die sehr hohen Erwartungen nicht ganz erfüllt und das extreme Lob in großen Teilen der cinephilen Szene nicht ganz nachvollzogen werden; der erste Teil des ungewöhnlichen Films ist edel gefilmt und okay, aber nicht das erhoffte cineastische Wunderwerk. Erst im zweiten Teil entfaltet sich eine besondere, meisterhafte Magie, Leidenschaft und tragische Liebe werden dem Kino angemessen eingefangen. Pech vielleicht, dass diese Geschichte in den über 100 Kinojahren halt auch schon oft erzählt wurde.

Natürlich kommt es eher auf das Wie an, aber die Form allein ist im Kino auch zu wenig. Der Film ist zwar deutlich besser (weil mit viel mehr eigener Vision, zum Beispiel dem subtilen Verarbeiten von Kolonialverbrechen) als die vorherige große Stummfilmära-Hommage The Artist, doch die Tatsache allein, dass jemand einen Film im Geiste des Stummfilms macht (und auf Murnaus gleichnamiges Werk verweist, der genaue Link dazu wurde mir nicht so bewusst), ist in meinen Augen noch kein Kriterium für „überragend“.

Vielmehr sind es einzelne Momente und das eigensinnige Arrangement der stummen Szenen mit Ton-Hintergrund, und auch der schöne Musik-Einsatz von Gomes, die dem Film eine ganz eigene, besondere Aura verleihen...sehenswert allemal, auch wenn sich weniger Festivalgeeichte mit der Langsamkeit schwer tun werden.

2. November 2013

Schulter an Schulter (Shaheen Dill-Riaz) 7,8




Shaheen Dill-Riaz ist durch seinen Hintergrund in der idealen Lage, für das deutschsprachige Publikum Innenansichten aus islamischen Ländern zu bringen. In KoranKinder war das so toll, dass mir dieser Film vor drei Jahren einer der liebsten war, und auch diese einstündige Fernseharbeit ist wieder sehr interessant anzusehen.

Es ist ein Porträt von zwei Soldaten, die auf den unterschiedlichen Seiten stehen, der deutsche und der afghanische. Es ist sehr spannend, den Leuten zuzuhören und Einblicke in den Alltag an der Front und zuhause mitzubekommen. Oft sogar belustigend, das Gefühl der Beklemmung verdrängend.

Der Deutsche, ein lieblicher Bär mit drolligem Akzent und scheinbar sehr sanftem Gemüt. Beiläufig, spät im Film, spricht er dann darüber, dass er für das Richtige tötet. Zuhause wartet seine Frau, die Diaz in berührenden Szenen einfängt.

1. November 2013

Dredd (Pete Travis) 8,2



Ein Remake von "Judge Dredd", das näher am düsteren Comic ist, so konnte man es vor dem Film aufschnappen. Nach einiger Zeit sieht man eher einen Zwilling zu "The Raid". Doch Dredd ist deutlich unterhaltsamer, weil es auf allen Ebenen passt: Die visuelle Umsetzung ist toll, der Soundtrack treibend gut, Darsteller und Dialoge einfach auf anderem Niveau als beim actionreicheren asiatischen Hochhaus-Kampf-Fest.

Karl Urbans Mundpartie zu begutachten alleine ist so herrlich; die trockenen Sprüche und (zumindest von mir auf ironische Weise genossenen) Gesetzeshüteraspekte lassen Dredd vor allem zu einem humorvollen Highlight werden. Härte und zumindest eine wirklich famose Actionszene (die Mega-Schießerei) gibt es auch. 

Die Slo-Mo Szenen sind an sich gar nicht so herausragend, aber wenn plötzlich hunderte Partikelchen dreidimensional durch den Saal schweben, weht auch ein genialer avantgardistischer Geist durchs Kino und durch diesen sehenswerten „Actionfilm“..

13. Oktober 2013

A Última Vez Que Vi Macau (João Pedro Rodrigues & João Rui Guerra da Mata) 8,25






Ein sperriger, düsterer Noir-Krimi (man sieht nie Gesichter wichtiger Figuren, von der Hauptfigur höchstens mal die Hand), zugleich ein faszinierendes Essay einer Stadt, mit Bildern von abgelegenen, interessanten Schauplätzen, Haustieren usw...

Rodrigues (dessen letzter „To die like a man“ mich nicht ganz so begeisterte wie einige andere) und da Mata schaffen hier etwas, was mich selbst überrascht. Denn der Film ist trotz äußerst prätentiöser Attitüde stets fesselnd und hoch sympathisch. Die Stadtbilder sind nicht so elendsfad wie (manchmal) Studien bei Emigholz oder Benning, auch wenn sie ähnlich still-standbildartigen Charakter haben.

Gegen Ende, wenn man schon müde ist, packen die beiden Filmemacher plötzlich eine hypnotische Bildfolge aus, düster und melancholisch bleibt die wehmütige Geschichte bis zum Schluss. Ich bin nicht in der Lage zu beschreiben, was genau den Reiz und die Schönheit dieser Arbeit (und auch jenen von Rodrigues gar nicht so unähnlichem Kurzfilm „Manhã de Santo António“) ausmacht..es bleibt jedenfalls zu träumen von einer Kinowelt, in der solch bezaubernde, eigensinnige Juwelen nicht einfach unbemerkt untergehen...

8. Oktober 2013

Dans la maison (Francois Ozon) 7,9



Surprisefilm der Viennale 2012. Plötzlich steht da: Ozon. Und man freut sich. Dann sieht es aber zunächst bloß nach sonstigem 08/15 Arthaus-Feelgood-Kino aus; bunt, mit Witzen über Lehrer und moderne Kunst.

Doch Ozon dreht ja durchgehend faszinierende Filme: hier eine beschwingte Metaerotikthrillerkomödie über Cliffhanger und Fortsetzungen: ein cleverer Schüler, der den gutmütigen Lehrer um den Finger wickelt; eine Geschichte in der Geschichte, die stilvoll und gekonnt fesselt.

Ozon, der Alleskönner mit Gefühl, inszeniert virtuos und oft atemberaubend, aber da ist schon auch immer der Gedanke, dass das alles etwas zu clever arrangiert ist. Die poetische Melancholie (wenn auch etwas glatt) und das wohlige Gefühl im Bauch sind aber stets so charmant eingeflochten, dass es nicht stört, von einer Art „Lehrfilm“ (über die Kraft der Geschichten) eingesponnen zu werden - nicht wenn es derart viel Spaß macht und 'so ziemlich alles verkörpert, was französischen Filmen oft so leicht von der Hand zu gehen scheint.'