5. Februar 2012

Essential Killing (Jerzy Skolimowski) 7,45




Eine pure Survivalstudie vor dem Hintergrund des „war on terror“. Doch fast überraschend gibt es hier kaum Politisches, sondern dieses faszinierend radikale Animal von einem Film zeigt wirklich nicht mehr als einen Mann, der um seine Freiheit wie ein Tier kämpft: durchaus also mit Eintönigkeitspotential, allerdings auch sehr lässig, wie Gallo sich hier durchkämpft, -beißt, -tötet, -frisst und -saugt(!).

So etwas wie Menschlichkeit und Hilfe gibt es in so einer Welt nur von einer (hübschen, alleine im Wald lebenden, stummen? !) Frau - was auch immer uns das sagen soll...

3. Februar 2012

A dangerous method (David Cronenberg) 7,60




Cronenbergs (preisverdächtig bescheuert übersetzter) Freud-Film ist ein Film über Jung mit Viggo Mortensen als Freud in einer Nebenrolle. So eine spielt übrigens auch Vincent Cassel als triebgesteuerter Analytiker, der sich von Jung therapieren lässt bzw. ihn selbst therapieren will. Der Humor kommt nicht zu kurz und das tut dem im Grunde düsteren Drama um den Kampf zwischen Trieben und Unterdrückung auch gut. Wobei man natürlich auch konstatieren könnte, dass man aus diesem Stoff etwas Intensiveres machen hätte können (warum muß ich jetzt an den kürzlich verstorbenen madness-Maestro Ken Russell denken?).

Doch so, wie Cronenberg es gemacht hat, ist es, in dieser gesetzten Reife, auch sehr okay und streckenweise fesselnd. Knightleys Darstellung der hysterischen Neurose wirkt zu Beginn auch etwas an der Grenze zum selbstzweckhaften Overacting, doch sie macht das schon ganz gut. Die Differenzen zwischen Freud und Jung werden erst gegen Ende mehr zum Thema, leider klingt der Film parallel dazu etwas langatmig aus und die arge Dialoglastigkeit wird (allerdings erst) in diesen letzten Minuten etwas mühsam und uninspiriert. Insgesamt ist das alles nicht gefährlich, etwas dunkel und ziemlich gut.

2. Februar 2012

Genova (Michael Winterbottom) 7,34




Verluste von Familienmitgliedern sind derzeit immer wieder mal das zentrale Thema von Filmen (jüngst etwa auch bei The Descendants), und ähnlich wie in Pablo Traperos „Born and bred“ gibt es auch hier einen schrecklichen Autounfall zu Beginn und intensiven Verlustschmerz. Nach dem Tod der Mutter zieht der britische pater familias mit seinen beiden Töchtern (die eine in der Pubertät, die andere noch ganz Kind) nach Genua - eine Luftveränderung als möglicher Katalysator fürs Wieder-Zurechtfinden in einer so bedrückenden Situation…

Dieses Drama des vielseitigen Filmemachers fühlt sich an, als wäre er an null Vorgaben gebunden gewesen; er erzählt sehr frei, gefühlvoll und behutsam seine Geschichte – doch zugleich fehlt auch ein wenig das Dringliche, und ein bisschen plätschern, vielleicht sogar ein undefinierbarer Hauch von Belanglosigkeit ist stets zu spüren.

Vielleicht sah Winterbottom das auch so und baute gegen Ende etwas seltsam anmutenden Suspense ein: das Spiel mit den Ängsten des Vaters um weitere Verluste ist interessant, manches wirkt aber in diesen Momenten ein wenig aufgesetzt.

31. Januar 2012

Filmjahr 2011 - Die Bilanz

Wie jedes Jahr zu diesem Zeitpunkt gibt es natürlich noch weitere spannende Werke des abgelaufenen Jahrgangs zu sehen, aber nach den aus meiner Sicht relevantesten 147 Filmpremieren des Jahres 2011 mache ich hier mal einen Cut für meine Bilanz.

2011 war (neben meinem persönlichen Kinorekord von 81 Vorstellungen) definitiv das Jahr der vielen ambitionierten, „großen“, aber in meinen Augen nicht ganz überzeugenden Werke (u.a. von Malick und von Trier über Aronofsky, Noe bis zu Innaritu und Godard – sowie auf Festivalebene Naderi und Ceylan), aber auch eines, in der mir erfreulicher- und absolut erstaunlicherweise kein einziger wirklich mieser neuer Film unter kam (Tiefstwertung gerade mal 3,90 Punkte!).

Allerdings war auch die Anzahl der Filme, die mich völlig weggeblasen haben, etwas geringer als in den Jahren davor.

Auf die Highlight-Liste mit allen „großartig bis unbedingt sehenswert“-Werken (Cut bei 8,25 Punkten) haben es aber dennoch folgende 29 feine Filme geschafft:

  1. Pardonnez-moi (Maïwenn Le Besco)
  2. Michael (Markus Schleinzer)
  3. Another Year (Mike Leigh)
  4. Beginners (Mike Mills)
  5. Bridesmaids (Paul Feig)
  6. Nader und Simin (Asghar Farhadi)
  7. Kinatay (Brillante Mendoza)
  8. Johnny Mad Dog (Jean-Stéphane Sauvaire)
  9. Le père de mes enfants (Mia Hansen-Love)
  10. 1 Journée (Jacob Berger)
  11. The Rise of the Planet of the Apes (Rupert Wyatt)
  12. 127 Hours (Danny Boyle)
  13. Nanjing! Nanjing! – City of Life and Death (Lu Chuan)
  14. Whores’ Glory (Michael Glawogger)
  15. Ajami (Scandar Copti/Yaron Shani)
  16. Lebanon (Samuel Maoz)
  17. Haevnen/"In einer besseren Welt" (Susanne Bier)
  18. Terri (Azazel Jacobs)
  19. Les Regrets (Cédric Kahn)
  20. Towelhead (Alan Ball)
  21. Habemus Papam (Nanni Moretti)
  22. Mammoth (Lukas Moodysson)
  23. Rubber (Quentin Dupieux)
  24. J’ai tué ma mère (Xavier Dolan)
  25. Blue Valentine (Derek Cianfrance)
  26. Le refuge (Francois Ozon)
  27. American Falls (Phil Solomon)
  28. Tournée (Mathieu Amalric)
  29. Margin Call (JC Chandor)
  30. Un home qui crie (Mahamat-Saleh Haroun)


Alles weitere, in Kategorien zusammengefasst und jeweils nach Punkten absteigend geordnet:



Gut/sehenswert:

The Woman
Atmen
Tokyo Sonata
Delirious
Nostalgia de la luz
Mission Impossible – Ghost Protocol
Les chants de Mandrin
La Consultation
Arrietty
“Das Erdloch”
The kids grow up
La Guerre est déclarée
Die Stille der Unschuld
Inside Job
King Kongs Tränen
No One knows about Persian Cats
Katka
The Wackness
Aleksandra
Tintin
Putty Hill
Soft Palate
Old Joy
Cold Fish
Fish Tank
Thor
“Der Fang”
Nacido y criado
Le Havre
“Der Staub Amerikas”
Kynodontas /Dogtooth
Four Lions
I come with the rain
Orly
Crazy, Stupid, Love.
Octubre
Egal was ich tue, sie lieben es
Territoire perdu
Folge mir
A dangerous method
Temple Grandin
Bloody Mondays and Strawberry Pies
Svet-Ake


Auch ziemlich gut, mit kleinen Mängeln:

The Guard
Tehilim
The sound of insects
Shadow Cuts
“Das Lied der Sperlinge”
I’m still here
Essential Killing
The Tree of Life
Cars 2
Trolljegeren
Die Liebe der Kinder
Schlafkrankheit


Okay/nett, aber nicht rundum überzeugend:

„How i ended this summer“
Contagion
Somos lo que hay
Mr. Nobody
Jane Eyre
Genova
La belle endormie
Tranzania. Living. Room.
Schattenzeit
Source Code
Into Eternity
Die Vaterlosen
Unten Mitte Kinn
Io sono l’amore
Rabbit Hole


Die „kunstvollen“, aber dabei nicht ganz überzeugenden Sieben:

Black Swan
AUN
The Man from London
Melancholia
Les amours imaginaires
Nénette
Enter the Void


Nicht wirklich gut, aber relativ sympathisch/unterhaltsam:

The King’s Speech
Cave of forgotten dreams
Super 8
La piel que habito
Abendland
“Once upon a time in Anatolia”
Attenberg
Attack the Block
Wenn die Welt uns gehört
L’illusionniste
Armadillo
Pirates of the Caribbean 4
Dreileben – Etwas Besseres als den Tod
Dreileben – Eine Minute Dunkel
Secrets of the tribe
The fourth portrait


Mittelmaß, ohne oder trotz Ambitionen:

Sauna
Biutiful
Midnight in Paris
Rango
Os Residentes
Waffenstillstand
Schwarzkopf
Lady Blue Shanghai
Es war einer von uns
Cut
Hanna
Delta


Die 2 heftigen Serben:

Srpski Film (6/10)
"Leben und Tod einer Pornobande" (4/10)


Enttäuschend/schwach/gescheitert:

Film Socialisme
Hollywood Fling
Kokuhaku/Geständnisse
Dreileben – Komm mir nicht nach
Bedways
La mujer sin cabeza
Heartless




Natürlich habe ich nicht auf Takashi Miikes 13 Assassins vergessen; da ich jedoch noch immer nicht einmal den Überklassiker "Sieben Samurai" geschweige denn die Vorlage für Miikes neues Werk kenne, möchte ich zuvor mal diese Werke genießen, bevor ich mich auf Miikes Neuinterpretation wage.

Animal Kingdom und "Detective Dee" wurden nach jeweils 15 Minuten abgebrochen, da sie mich auf den ersten Blick nicht besonders angesprochen haben – auch das wird vielleicht noch nachgeholt. Dasselbe gilt für Restrepo, bis auf das Nachholen vermutlich. Get low habe ich sogar zur Hälfte gesehen, musste dann abbrechen, und danach gab es kaum mehr Motivation, weiterzuschauen – sicher „nett“, aber naja. In eine ähnliche Kategorie fiel durchaus überraschend auch "Still walking"...

Mother“ bin ich (wegen des Regisseurs von „The Host“) mit großen Erwartungen angegangen, aber was ich da in den ersten 45 Minuten sah und was ich mir für den Rest des Films erwarte, hat mich nicht umgehauen, sodass ich auch hier erstmal abbrach und mich anderem widmete..

Die beiden Romanverfilmungen Never let me go (Buch schon gelesen) und „Norwegian Wood“ (bin am Buch gerade dran) habe ich wegen dem gesenkten „Originalitätsfaktor“ auch erst mal hinten angestellt.

Den sehr spannend klingenden Essay Photographic Memory habe ich leider verpasst, als er auf arte lief; eine Möglichkeit, diesen Film sonst wo aufzutreiben, konnte ich bis jetzt nicht finden.

Auf der unbedingten "Watch- aber vom Gefühl her nicht ultra-relevant-List" 2011 stehen noch so einige Filme:
Unter dir die Stadt, Fireworks Wednesday, Limitless, Cassandras Warnung, Le nom des gens, Le roi de l’evasion, Au fond des bois, Cosa voglio di piu, X-Men First Class, Insidious, New Kids Turbo, Fast Five, The Fighter, The Mechanic, Poll, Unter Kontrolle, The Way Back, Rapt, Hors la loi, Underwater Love, The Ides of March, Bobby Fischer against the world, u.e.a.


Mysterios de Lisboa vom verstorbenen Raul Ruiz wurde bei arte als TV-Version ausgestrahlt, möglicherweise wird der angeblich feinere Kino-Cut noch 2012 veröffentlicht und dann dazu gezählt…

Die Filme Mörderschwestern, Adams Ende und Aurora liefen 2011 zu kurz oder völlig unpassend für mich im Kino und werden daher ausnahmsweise erst dem Jahr 2012 (bei zu erwartender DVD-VÖ) zugezählt. Gleiches gilt auch für den im Verleih bereits kurz vor Jahresende erschienenen Super und den auf DVD erwerbbaren Raavanan, der im März 2012 im Wiener Filmmuseum auf der Leinwand vorgeführt wird.

Wahnsinn, was in einem Jahr so alles zusammenkommt, aber das war es dann vermutlich auch:

Finally a happy new filmyear 2012! :)


30. Januar 2012

Lebanon (Samuel Maoz) 8,43




Vier junge Männer finden sich plötzlich in einem Krieg - und die Zuseher mit ihnen den gesamten Film in einem Panzer. Dieses starke Konzept, dessen formal strenge, aber dennoch nie langweilige Umsetzung ein bisschen an Kubrick erinnert, macht diesen Film so beklemmend; irgendwo ähnelnd der Intensität von Black Hawk Down und dem letzten großen Kriegsfilm, Kathryn Bigelows The Hurt Locker.

Das Kammerspiel "Lebanon" thematisiert vor allem das Grauen des Krieges, das junge Männer von einer Sekunde auf die andere ohne große Vorbereitung in die Hölle des Tötens oder Getötet werden hineinwirft - der Mann an der Panzer-Kanone bringt es zunächst nicht fertig, auf ein sich rasend näherndes Kamikaze-Auto zu feuern, kurz danach folgt er den Befehlen und feuert wie wild – auf einen harmlosen alten Mann in einem Hühner-Transporter.

Maoz gelingt in den ersten zwei Dritteln, vor allem in ein-zwei solcher bestürzenden „Zivilisten-Szenen“ ein nüchternes, genau konzipiertes, beklemmendes Antikriegsplädoyer; leider versucht er sich gegen Ende an einer Art Spannungsaufbau und Psycho-Elementen, was dem Film weniger gut tut und nicht so recht ins restliche Konzept passen mag.

Dennoch ist es ein eindrucksvoller Vertreter einer Gattung, die sich angesichts der nicht enden wollenden Kriege auf unserer Erde nie erschöpfen wird können: Zu Beginn sahen wir ein riesiges Feld voller Sonnenblumen – am Ende dieselbe Einstellung nochmal, mit Panzer: Es ist ein hervorragend metaphorisches Bild: geknickt und gebeutelt sind diese Sonnenblumen – wie Menschen vom Krieg.

29. Januar 2012

Di si zhang hua (Mong-Hong Chung) 5,70




The fourth portrait
: Ein wieder mal im kuriosen Sinne schräger asiatischer Film, der zunächst auch ungemein atmosphärisch und vielversprechend beginnt. Danach läuft die Geschichte um einen kleinen Jungen, dessen Vater stirbt, leider eher bruchstückhaft und teilweise sehr seltsam humorvoll ab; auch deswegen will sich vielleicht kein Mitgefühl für diese Geschichte einstellen - dem Regisseur gelingt es überhaupt nicht, eine Linie zu finden; sein sensibles 'Outsider-Familiengeheimnis'-Drama taumelt und strudelt schlangenlinienartig dahin.

Gegen Ende schafft er es dann - schon unerwartet - doch noch, sich zu konzentrieren, auf seine Figuren und auf eine bittere, traurige Geschichte; man ahnt, dass hier das Potential für einen deutlich besseren Film da gewesen wäre. So gibt es rückblickend kaum einen Grund, sich dieses Werk anzuschauen, aber zumindest einen Funken Sympathie.

24. Januar 2012

Fish Tank (Andrea Arnold) 7,88




Die Klasse und teilweise verstörende Intensität des Vorgängers Red Road wird zwar nicht ganz erreicht, aber auch dieses Werk der britischen Filmemacherin ist wieder ein eindrucks- und kraftvolles Sozialdrama - um eine junge Frau zwischen Gemeindebautristesse, Tanzträumen und Liebe zum Freund der auch nicht viel älteren Mutter - sehr überzeugend gespielt (u.a. Michael Fassbender in einer heiklen Rolle) und von Andrea Arnold mit rauem und authentischem Flair inszeniert.