4. Januar 2012

Crazy, Stupid, Love. (Glenn Ficarra & John Requa) 7,67




Hat so seine Schwäch-chen, der makellose Womanizer ist auch nicht die ideale Rolle für Gosling, das meiste verläuft typisch wie es eben in diesen Filmen läuft, auch das ‚Highlight‘ der späten Zusammenführung aller Personen ist eher konventionell, doch witzig gestaltet.

Das auf frischen Wind setzende Regieduo, deren Vorgänger "Phillip Morris" grenzgenial und auch schon an der Grenze zwischen Konvention und Subversion war, gibt sich hier noch mal sanfter, doch ihre unverkrampfte Art, tendenziell schwierige und peinliche Situationen in Liebesdingen zu inszenieren, macht Spaß. Sehr lustig ist auch (wie öfters in Komödien) Marisa Tomei mit ihrer exaltiert-ironischen „Temperament“-Performance.

Dieser Film ist weder perfekt noch wunderschön, doch man kann sich ein wenig in ihn verlieben – Romance rules, assholes!

3. Januar 2012

Pardonnez-moi (Maïwenn Le Besco) 9,23




Was sehr mühsam und sperrig beginnt, entwickelt sich zu einem unglaublichen, kraftvollen, enorm schmerzhaften, bewundernswerten, radikalen, experimentellen, mutigen Stück Kino. Ein Film des Jahres, der bereits 5 Jahre alt ist und nun immerhin von arte noch einem deutschsprachigen Publikum (das man vermutlich an zwei Händen abzählen hat können) vorgeführt wurde.

Die zweite Regiearbeit der jungen Maiwenn ist eine Geschichte von Kindesmisshandlung, umgesetzt in einen Film in einem Film. Die Filmemacherin spielt Violette, eine junge Frau, die ihr Kindheitstrauma bekämpfen will, indem sie einen schonungslosen Film über ihre Familie dreht, vor allem über ihren Vater, der sie einst geschlagen hat…

Die forsche junge Dame bewaffnet sich also mit einer Kamera, um durch diesen, eigenen Film vielleicht endlich Erlösung – oder einfach eine Entschuldigung zu finden. In einer witzigen Szene geht sie in ein Fachgeschäft und sagt, sie wolle einen Film fürs Kino machen, worauf der Verkäufer Top-Geräte empfiehlt, vor allem für ruhige Bilder. Die braucht und will Violette aber für ihren Film nicht – genauso wenig wie Maiwenn für ihren. Was sich hier vielleicht etwas gekünstelt anhört, ist meisterlich umgesetzt, was diesen Film aber neben allen Metaebenen-Experimenten (inklusive Kindheits-„Videointerview“-Aufnahmen von Maiwenn!) und dem enormen psychologischen Tiefgang so ins Innere bohren lässt, sind die unglaublich intensiv gespielten Szenen, in denen Violette bzw. Maiwenn die Familie mit ihren Schmerzen konfrontiert; das lässt selbst einen so beklemmenden Film wie Michael im losen Vergleich harmlos wirken.

Verzeiht mir ist der schmerzvolle Schrei einer verwundeten Seele und die Bebilderung eines bitteren Kampfes um Seelenfrieden; darüber hinaus ist es der Beweis, dass radikales Kino mitunter immer mehr unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindet; sicher muß man auch konstatieren, dass solch intensive Szenen derart experimentell serviert schon generell nicht viele ansprechen. Auch im Film (im Film) wird übrigens einmal eine Diskussion um die breite Masse geführt: doch außerhalb Frankreichs wird dieses herausragend schonungslose Werk leider kaum jemand gesehen haben.

30. Dezember 2011

Listenalarm! (2006-2011)

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, und in dem ganzen Wertungswirrwarr ist es immer ein schöner Brauch, die absoluten Highlights nochmal in Listenform zu sammeln, um bei den unglaublichen Massen an neuen Filmen die absoluten Lieblinge und Meilensteine des Kinos zu reflektieren und noch einmal hervorzuheben. Wenig verwunderlich übrigens, dass hierbei jener Film, der damals auch für den Namen dieses Blogs Pate stand, ganz oben in meiner Gunst steht.

Da es mir traditionell am Jahresende noch nicht möglich ist, eine zufriedenstellende Jahresliste zu veröffentlichen, habe ich mich entschieden, statt einem "Best of 2011" hier die Highlights aller gesehenen Filme der letzten paar Jahre zu sammeln. Auch da gibt es noch die eine oder andere Lücke (etwa "Hunger" oder "Synecdoche, New York", auch einige Filme von Takeshi Kitano z.B., uvm.), und wie immer fehlt natürlich noch viel an aktuellen Filmen, was international schon, aber hier noch nicht veröffentlicht wurde; ich richte mich ja stets nach dem österreichischen/deutschsprachigen Markt, inklusive DVDs und TV (plus manchem, aber natürlich auch nie allem von der Viennale).


Viel Spaß jetzt aber mit den bis dato 52 aufregendsten, aufwühlendsten, wichtigsten, forderndsten, außergewöhnlichsten, schönsten, ...

Filmen der (ungefähr) letzten 5 Jahre:



  1. La vie moderne
  2. Bled Number One
  3. Sommer vorm Balkon
  4. Import Export
  5. Drawing Restraint 9
  6. Winter's Bone
  7. Låt den rätte komma in
  8. I'm not there
  9. Du levande
  10. Birdwatchers


  11. Pardonnez-moi
  12. There will be blood
  13. Sunshine
  14. Auf der anderen Seite
  15. Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott
  16. Une vieille maitresse
  17. The Kite Runner
  18. Petition
  19. Balada triste de trompeta
  20. The Prestige
  21. Encounters at the end of the world
  22. Michael
  23. "Waltz with Bashir"
  24. Los Herederos
  25. Babel
  26. Inland Empire
  27. She, a Chinese
  28. Half Nelson
  29. Nothing Personal
  30. "Still Life"
  31. Momma's Man
  32. In die Welt
  33. The Hurt Locker
  34. "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage"
  35. Idiots and Angels
  36. Talladega Nights
  37. Revanche
  38. Another Year
  39. Coraline
  40. White Material
  41. Bridesmaids
  42. "Secret Sunshine"
  43. Tout est pardonné
  44. Gomorrha
  45. It's a free world
  46. Nightmare Detective 2
  47. Boy A
  48. The Wrestler
  49. Gran Torino
  50. Bam gua nat/"Night and Day"
  51. Vegas: Based on a true story
  52. Un Conte de Noel

29. Dezember 2011

Contagion (Steven Soderbergh) 7,38




Soderberghs mit coolem Soundtrack unterlegter Virenthriller verläuft doch etwas langatmig und obwohl man es schon ahnen hätte können und es konzeptionell im Sinne von 'Anti-Hollywood-Katastrophenthriller' sehr in Ordnung ist, etwas überraschend aktionslos ab: dass Millionen Menschen gestorben sind, erfährt man am Ende so nebenbei. Das hat schon seinen Reiz, aber dadurch verweigert sich der Film auch ein wenig zu sehr einer „klassischen Spannung“.

Dafür gefällt der ruhige Blick auf die vielen Charaktere, von 'zivil Betroffenen' bis zu ForscherInnen und industriellen bis politischen Playern, und gegen Ende zeigt das Werk seine reizvollsten Eigenschaften: unter anderem auch weil alltägliche Konsequenzen so einer Pandemie gezeigt werden. Der Film thematisiert in der zweiten Hälfte auch die (Medikamenten-)Industrie und was denn so vor sich gehen könnte, wenn das passende Gegenmittel endlich in einem Labor gefunden wird (skurriles Highlight im Zuge dessen: die Impflotterie!).

Soderbergh hat schon bessere Filme gedreht, für ein echtes Highlight ist sein reduzierter Pandemiethriller insgesamt zu wenig beklemmend ausgefallen – andererseits sind solche nicht extrem realitätsfernen filmischen Schreckensszenarien, hier natürlich auf allen Ebenen ansprechend umgesetzt, ja immer schaurig-vergnüglich.

28. Dezember 2011

The Adventures of Tintin: The Secret of the Unicorn (Steven Spielberg) 8,01




In völliger Unkenntnis der berühmten Comics rein ins Kino: Der Look ist atemberaubend, man glaubt gar nicht in einem der üblichen 3D-Filme zu sein, sondern hier stimmt technisch alles: das sind dann ja wohl auch die besten Vertreter dieses wiederentdeckten Mediums.

Was passiert denn inhaltlich? Trotz Arschlochfrisur und potenziellem Klugscheißer-Nerv-Faktor ist Tim kein unsympathischer Charakter - wobei, eigentlich hat er keinen, wie ein guter Schiedsrichter fällt er wenig auf; den Reiz und Spaß im Kinosessel machen die von Spielberg wie nicht anders zu erwarten grandios inszenierten „Indy“-esken Actionszenen und die kauzigen Nebencharaktere wie der trunkenboldige Kapitän, ein bisschen auch die zwei Schulzes, aus. Der Kinobesuch hat sich schon aufgrund dieser Vergnüglichkeiten sehr ausgezahlt, die Unterhaltung stimmt und wird auf edelstem Technikniveau serviert; der Film an sich büßt aber gegen Ende langsam etwas an Originalität ein und man hat sich auch ein wenig satt gestaunt, Spannung gibt es natürlich kaum.

Inwiefern mit diesem Projekt die Comicvorlage(n) gut umgesetzt wurden oder nicht, kann hier nicht beantwortet werden - immerhin wartet aber inzwischen "schon" ein Tim und Struppi-Comic daheim auf die Lektüre. Was Spielberg so macht, ist ja meistens interessant und auch sehenswert, das hier war insgesamt: charmant und nett.

26. Dezember 2011

Direktøren for det hele (Lars von Trier) 8,32




Dieser Mix aus dem Comedyformat The Office und von Triers eigener Satire Idioten braucht etwas Anlauf (und scheint manchmal etwas zu hinken), ist aber bald enorm komisch, hintersinnig humanistisch und die reflexive Spielerei mit der Kunst des Schauspielens im Feld des von existenziellen Sorgen und zwischenmenschlichen Krisen geprägten Kleinfirmen-Wahnsinns ist bis zum letzten Bild köstlich.

von Trier arbeitet hier inhaltlich mit absurden und noch absurderen Wendungen, und formal - am Übergang von seiner extrem reduzierten, brechtischen „Dogville/Manderlay“-, zur visuell ambitionierteren „Wagner-Depressions-Weltuntergangs“-Phase - mit vielen leichten Perspektivwechsel-Schnitten und unkonventionell gewählten Bildkadern, die den spröden Look des Films in dieser Hinsicht gewitzt gestalten.

The Boss of it all ist jedenfalls mehr als bloß ein kleines Nebenwerk, als das es wohl bei dem ganzen Ballyhoo um die beiden Folgefilme des dänischen Künstlers bei vielen gelten wird, sondern eines der vielen gelungenen Werke in der eigenwilligen Karriere des LvT: eine hochkomische Büro-Groteske im hektisch-heiklen Zeitalter des Offshoring und Outsourcing.

22. Dezember 2011

Heartless (Philip Ridley) 3,90




Dieser ausgesprochen düster sein wollende Fantasythriller um einen entstellten, von Gewalt umgebenen Außenseiter wirkt sehr ambitioniert, auch künstlerisch, befindet sich zugleich aber auch oft hart an bzw. über der Grenze zum Lächerlichen. Die mysteriöse, aber leider letztendlich nicht besonders berauschende Geschichte beginnt wie eine Art Donnie Darko-Variation (schüchterner Außenseiter sieht eigenartige Wesen), gemixt mit einer sehr heftigen Sicht auf einen von brutalen Gangs geprägten Teil von London; es wird eine Welt gezeigt, in der es nur Gewalt und Kälte zu geben scheint. Nach einiger Zeit läuft der Film dann, etwas überraschend, auf eine wüste Faust-Variation hinaus, während es zwischendurch immer wieder eher peinlich kitschige Szenen gibt.

Die Regie ist wie gesagt ambitioniert und das Bemühen, einen ganz eigenen Stil zu schaffen, macht den eigentlich eher schwachen, bisweilen sehr kurios mit heftigen Gewalt- und Schockszenen versehenen Film zumindest irgendwie interessant. Andererseits wirkt das Spiel mit Farben und vor allem den erwähnten Schockeffekten oft kindisch-billig. Es wird eine spezielle Atmosphäre geschaffen, doch nur ganz selten ist der Film beklemmend, meistens eher trashig – ohne dabei aber auf blöde Art wenigstens gut zu unterhalten. Auch die Schauspieler sind durchgehend „B-Liga“, vor allem der naive Blick von Hauptdarsteller Sturgess ist schwer zu ertragen.