18. Januar 2012

Cave of forgotten dreams (Werner Herzog) 6,46




Was enorm aufregend und teilweise atemberaubend schön beginnt, erreicht leider nie die Nähe der außergewöhnlichen Qualität von Herzogs Encounters at the end of the world, sondern verflacht doch etwas. Vor allem ist der Film nur an wenigen Stellen „herzogesk“ schräg oder clever gewitzt: ein bisschen zu brav vielleicht. Letztlich ist aus einer Dokumentation über Höhlenmalereien halt auch nicht viel mehr herauszuholen; klar spricht Herzog auch über Parallelen zum Kino und Ursprünge von Kunst und streckenweise ist sein Film auch faszinierend und interessant, aber über 90 Minuten ähnelt das einer Führung: irgendwann möchte man sich am liebsten von der Gruppe abseilen und vielleicht selbst etwas entdecken oder in anderem Tempo weiter gehen…

Grenzgenial ist dafür das überraschende Kernkraft-Postscriptum - wieder mal mit Alligatoren.

12. Januar 2012

Mr. Nobody (Jaco van Dormael) 7,35




Die geschmeidige, phantasievolle Inszenierung dieses Films ist meisterlich. Inhaltlich scheint es in den ersten Minuten auf einen gigantischen "Mindfuck", auf ganz großes Kino hinauszulaufen. Nach einiger Zeit wähnt man sich „nur“ noch in einem filmischen Entwicklungsroman, durchgehend so traumhaft schön inszeniert, dass man die 150 Minuten Laufzeit so intensiv wie möglich genießen will.

Ein Mann zwischen drei Frauen, das Kind zwischen den Eltern: auf welche Schiene des Lebens begibt man sich? Diese leicht philosophischen Elemente werden immer wieder durchsetzt von einer satirischen futuristischen Rahmenhandlung.

In der Endabrechnung ist van Dormaels Poesie leider nicht ganz so großartig, wie man es lange Zeit spüren konnte. Die „Auflösung“ ist so banal wie nur möglich, doch das ändert ja nicht viel an dem, was vorher so angenehm war. Vielleicht können vielmehr Länge und „Schönheit“ des Films irgendwann nicht mehr über eine gewisse Absenz von echtem Tiefgang hinweg täuschen. Vielleicht ist die Essenz des Films, die uns nach zweieinhalb schwer greifbaren Stunden letztlich vermittelt wird, am Ende das ganze Brimborium gar nicht wert (wenn man etwas kritischer hinblickt), dennoch war es irgendwie sehr schön sich dem hinzugeben -

(bei all dem drängt sich schon wieder ein Filmvergleich auf, und zwar einer mit dem ebenfalls ganz famos inszenierten, aber dennoch, vielleicht auch aufgrund gewisser Redundanzen und leichten Banalitäten, nicht völlig begeisternden The Tree of Life!).

11. Januar 2012

1 journée (Jacob Berger) 8,64




Ein wunderbarer (sorry:) „kleiner“ Film, dessen Regisseur es leichtfüßig vereinen kann, unheimlich nah an menschlichen Problemen zu sein, eine künstlerisch ansprechende Bildsprache und Umsetzung zu finden und dabei (trotz manchmal arger Symbolik) keine Sekunde abgehoben zu wirken.

Es geht um einen Mann am Abgrund (der so oft großartige Bruno Todeschini), zwischen Lebensüberdruss und Ehebruch, um seine Frau mit Zwangsstörung, und ihr gemeinsames, aufgewecktes Kind. Der faszinierend zwischen düsteren, semidrastischen und zärtlichen Szenen oszillierende Seelentrip wird quasi in drei Kapiteln erzählt, die sich ineinander verschlingen. Was dabei genau passiert und wie es Berger gelingt, all seine Elemente geschmeidig zu einem berührenden Stück über das Verlieren und das Wieder(zueinander)finden, über Trauer, Wut, Angst und ihre positiven Gegenkräfte zu verbinden, soll hier nicht zu sehr in Textform erläutert werden: diesen (kaum bekannten) Film muß man spüren, muß sich ihm (wie immer am besten ohne Vorinformationen) ergeben und von seiner ganz eigenen, zärtlich-herben Art verführen und berühren lassen.

10. Januar 2012

Kokuhaku (Tetsuya Nakashima) 4,30




Ein sehr spezielles, irgendwo zwischen provokanter Künstlichkeit und versuchter/allzu gewollter „Kunst“, zwischen düsterem Ernst und fast kindlichem Humor pendelndes, nunja: Rachedrama. Irgendwie ist es noch faszinierend, dass man sich für den erzählten(!) Prolog eine gute halbe Stunde(!) Zeit nimmt, zugleich aber auch da schon etwas nervtötend.

Die Welt, die Figuren; in Geständnisse ist alles betont düster, doch – und das könnte der Hauptgrund für das Scheitern des Films sein – es mag sich, auch weil die Beweggründe und Handlungen und Figuren in dieser Welt sehr künstlich wirken, kaum echte Beklemmung einstellen. Die ewiggleiche Inszenierung mit per se ja ziemlich lässiger Musikuntermalung kann man vielleicht noch als künstlerisch gelungen, aber noch mehr als zäh und eintönig betrachten.

Inhaltlich ist der Film sowieso unbestreitbar krude und zwar richtig. All diese extremen Seelenschmerzen, all die Bitterkeit können auch darum (und auch wegen der künstlichen Form) nicht durchdringen, können gar nicht reinstoßen ins Herz, das Megapathos kann die Oberflächlichkeit nicht verbergen. Ein seltsames Ding, das in seinem genuinen Versuch, eine grimmige Geschichte kompliziert zu erzählen und dabei audiovisuell „formvollendet“ zu inszenieren, völlig implodiert – so gesehen wohl ein „perfekter“ Nachfolger zum seinerzeit ebenso schräg überladenen (und ebenso von anderen gemochten) „Sympathy for Lady Vengeance“.

5. Januar 2012

Melancholia (Lars von Trier) 6,69




Die Studie einer Depression kombiniert mit einem sehr intimen Weltuntergang: das ist schon sehr reizvoll…was wird im Detail draus?


Der opulente Vorspann erinnert an Kubricks Überwerk 2001 und interessanterweise an den zeitgleich gelaufenen Tree of Life; danach sind wir stilistisch schon wieder beim „Dogma“, wobei von Trier mit der „Limousine in der engen Kurve“-Szene gleich sehr humorvoll den bevorstehenden Weltuntergang kontert.

Anschließend erleben wir eine kleine menschliche Katastrophe im Zeitlupentempo. Das ist rückblickend faszinierend (und die Studie von Justine hat gar nicht allzuviel mit einer Variation von Festen zu tun, wie man an mancher Stelle liest), doch - und das gilt für den gesamten Film - von Trier war in fast allen seinen vorherigen Arbeiten schon viel packender…hier wirkt alles fast wie durch einen Wattebausch schaumgebremst. Mag Absicht sein, aber Melancholia ist dadurch auch die meiste Zeit einen Tick zu wenig einnehmend für einen wirklich großartigen Film.

In Verbindung mit dem drohenden Ende der Erde ist dieser Stil natürlich schon wieder grenzgenial, dennoch will sich in den mehr als 2 Stunden keine große Begeisterung einstellen. Vielleicht schadet auch das gefühlte ständige Augenzwinkern den für sich gelungen gezeigten menschlichen Tragödien. Dennoch Respekt dafür, dass von Trier gelassen und genau filmt, ohne allzu sehr auf Verstörung oder ähnliches aus zu sein (Katze in den Schwanz: das ist aber auch immer seine große Stärke gewesen).

Gegen Ende ist die Stimmung dann phänomenal und höchst beunruhigend, der Schlussabschnitt ist wahrlich groß. Die letzten Minuten sind von einer unglaublichen Intensität, die zum Kehraus den vielleicht größten kalten Schauer bietet, den man im Kino seit langem erleben konnte. Ja, im Nachhinein ist Melancholia ein sehr respektabler Film, ein außergewöhnlicher Entwurf. Aber man darf und muss es in dem Fall auch mal aussprechen: der große Feind sind hier die Längen und eine gewisse Belanglosigkeit einer vielleicht sogar künstlerisch geistvollen, zugleich jedoch auch recht sinnentleerten Apokalypsen-Konstellation.

4. Januar 2012

Crazy, Stupid, Love. (Glenn Ficarra & John Requa) 7,67




Hat so seine Schwäch-chen, der makellose Womanizer ist auch nicht die ideale Rolle für Gosling, das meiste verläuft typisch wie es eben in diesen Filmen läuft, auch das ‚Highlight‘ der späten Zusammenführung aller Personen ist eher konventionell, doch witzig gestaltet.

Das auf frischen Wind setzende Regieduo, deren Vorgänger "Phillip Morris" grenzgenial und auch schon an der Grenze zwischen Konvention und Subversion war, gibt sich hier noch mal sanfter, doch ihre unverkrampfte Art, tendenziell schwierige und peinliche Situationen in Liebesdingen zu inszenieren, macht Spaß. Sehr lustig ist auch (wie öfters in Komödien) Marisa Tomei mit ihrer exaltiert-ironischen „Temperament“-Performance.

Dieser Film ist weder perfekt noch wunderschön, doch man kann sich ein wenig in ihn verlieben – Romance rules, assholes!

3. Januar 2012

Pardonnez-moi (Maïwenn Le Besco) 9,23




Was sehr mühsam und sperrig beginnt, entwickelt sich zu einem unglaublichen, kraftvollen, enorm schmerzhaften, bewundernswerten, radikalen, experimentellen, mutigen Stück Kino. Ein Film des Jahres, der bereits 5 Jahre alt ist und nun immerhin von arte noch einem deutschsprachigen Publikum (das man vermutlich an zwei Händen abzählen hat können) vorgeführt wurde.

Die zweite Regiearbeit der jungen Maiwenn ist eine Geschichte von Kindesmisshandlung, umgesetzt in einen Film in einem Film. Die Filmemacherin spielt Violette, eine junge Frau, die ihr Kindheitstrauma bekämpfen will, indem sie einen schonungslosen Film über ihre Familie dreht, vor allem über ihren Vater, der sie einst geschlagen hat…

Die forsche junge Dame bewaffnet sich also mit einer Kamera, um durch diesen, eigenen Film vielleicht endlich Erlösung – oder einfach eine Entschuldigung zu finden. In einer witzigen Szene geht sie in ein Fachgeschäft und sagt, sie wolle einen Film fürs Kino machen, worauf der Verkäufer Top-Geräte empfiehlt, vor allem für ruhige Bilder. Die braucht und will Violette aber für ihren Film nicht – genauso wenig wie Maiwenn für ihren. Was sich hier vielleicht etwas gekünstelt anhört, ist meisterlich umgesetzt, was diesen Film aber neben allen Metaebenen-Experimenten (inklusive Kindheits-„Videointerview“-Aufnahmen von Maiwenn!) und dem enormen psychologischen Tiefgang so ins Innere bohren lässt, sind die unglaublich intensiv gespielten Szenen, in denen Violette bzw. Maiwenn die Familie mit ihren Schmerzen konfrontiert; das lässt selbst einen so beklemmenden Film wie Michael im losen Vergleich harmlos wirken.

Verzeiht mir ist der schmerzvolle Schrei einer verwundeten Seele und die Bebilderung eines bitteren Kampfes um Seelenfrieden; darüber hinaus ist es der Beweis, dass radikales Kino mitunter immer mehr unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindet; sicher muß man auch konstatieren, dass solch intensive Szenen derart experimentell serviert schon generell nicht viele ansprechen. Auch im Film (im Film) wird übrigens einmal eine Diskussion um die breite Masse geführt: doch außerhalb Frankreichs wird dieses herausragend schonungslose Werk leider kaum jemand gesehen haben.