15. Mai 2011

Die Vaterlosen (Marie Kreutzer) 6,95




Dieser teilweise hochgelobte Film ist tatsächlich eine feine, fast schon unkonventionell lebendige Familiengeschichte. Beinahe erinnert es manchmal, obgleich natürlich in ganz anderem Stil, an Lost, wenn die Gegenwart durch sehr subtile, fragmentarische Rückblenden ergänzt wird. Getragen wird die Erzählung über (un-)gleiche Geschwistern, die den Tod des schrägen Hippie-Vaters beklagen, von einem tollen Ensemble, aber Marie Kreutzer ist keine Mia Hansen-Løve, der zunächst tolle Film wird gegen Ende immer schwächer: Überdramatisierung kann man das nennen; interessante Figuren bleiben dann doch hohl, um anderen ihre Erlösung zu ermöglichen, was in letzter Konsequenz auch zu erzwungen wirkt. Dennoch hinterlässt der Film im Gesamten Eindrücke – lebendige, ungewöhnliche, positive.

12. Mai 2011

Interludium - Mortier, Block, Ahwesh

Ex Drummer (2007) 3,70

Der Film beginnt mit einer deutlich von Irreversible inspirierten Szene und Regisseur Mortier scheint auch irgendwie Gaspar Noés düster-nihilistischen, brutalen Geschichten nacheifern zu wollen. Der Ansatz, einen gebildeten, ultrazynischen Schriftsteller eine Art Sozialexperiment mit der abgefuckten Unterschicht zu veranstalten mag am Papier sehr reizvoll sein, doch dieses Potential wird nie genutzt: Anstelle von feinem Humor oder Satire ist der Tonfall stets plump vulgär und oberflächlich roh. Natürlich ist das manchmal durchaus beeindruckend umgesetzt, da gibt es sogar „poetische Momente“, auf der sensorischen Ebene, aber inhaltlich passt es gar nicht.

Gegen Ende gelingen Mortier sehr intensive Szenen, in denen Musik als Ausdruck von Gefühlen perfekt eingesetzt wird, doch die ganzen Arschlochfiguren haben kein Potential, die ausgestellte Schwulen- und Frauenfeindlichkeit, vielleicht auch eine generelle Menschenfeindlichkeit wird nie ironisch gebrochen, alles ist zu plump auf kontrovers und hardcore getrimmt, der Humor ist schwach.

Der finale Amoklauf weckt dann Erinnerungen an Filme von Christoph Schlingensief, doch Mortier bzw. der Vorlagengeber sind weit von dessen subversiver Genialität entfernt. Mortier kann phasenweise beeindruckend inszenieren, doch inhaltlich ist der Film bloß kompletter, eher unsympathischer Schmarrn.


51 Birch Street (2005) 8,31

Es scheint in den letzten Jahren ein kleiner Trend unter Dokumentarfilmern zu sein, das eigene Leben bzw. jenes der Familie in den Mittelpunkt der eigenen Arbeit und für ein öffentliches Publikum bereit zu stellen. Wer diese kleine Welle begann, ist mir nicht genau bekannt, gut möglich aber, dass Doug Block mit diesem Film (auch Jonathan Caouettes außergewöhnlicher Tarnation ist ein ähnlicher, aber noch viel experimentellerer Kandidat) dafür verantowrtlich sind. Aus dem deutschsprachigen Raum fanden auf diesen Blog ja bereits Vertreter dieser selbstreflektierenden Welle: Mein halbes Leben und alias (der rückblickend sogar sehr offensichtlich Szenen und Ideen aus 51 Birch Street übernommen hat).

Doug Block filmt hier seine Senioren-Eltern, er möchte eine Doku über sie drehen. Plötzlich stirbt die Mutter, ziemlich unerwartet und ziemlich rasch. Block hat die deutlich größere Bezugsperson verloren, mit seinem Vater hat er nämlich wenig gemein und in den vielen Jahren auch wenig gesprochen. Als der Vater kurz darauf wieder heiratet, beginnen sich die 3 Block-Geschwister zu fragen, wie glücklich die Ehe der Eltern denn eigentlich war. Sie entdecken Unmengen an Tagebuch-Material der Mutter und erfahren immer mehr – Unangenehmes.

Blocks persönliche Spurensuche zeichnet sich durch viel Gefühl, manchmal auch offen dargelegte Sentimentalität aus. In der Familiengeschichte können sich sicher viele Zuschauer wiedererkennen, sei es das schwierige Vater-Sohn-Verhältnis oder die ewigen Fragen um glückliches Eheleben, u.ä. Mag es zunächst so aussehen, als wäre der Film vor allem eine (sanfte) Abrechnung mit dem Vater, ist es eher ein gemeinsames Hinfinden zu einer späten Beziehung.


She Puppet (2001) 8,27

Dieses knapp 15-minütige Avantgardeprojekt ist unterhaltsam und kritisch-reflektierend zugleich: Szenen aus dem legendären Videospiel Tomb Raider mit seiner prominenten Heldin Lara Croft werden gezeigt, während dazu scheinbar gar nicht dazu passende Texte vorgelesen werden. Wenn man das Spiel vor vielen Jahren selbst gespielt hat, wenn man überhaupt irgendetwas mit Videospielen am Hut hat, sind sowohl diese vom Zahn der Zeit bereits völlig überholten Texturen als auch die Kampfszenen und Abläufe durchaus amüsant; doch Peggy Ahwesh legt den Fokus eindeutig auf den Tod: die unzähligen, schnell hintereinandergeschnittenen Szenen vom Ableben der Spielfigur stimmen gleichzeitig daher auch nachdenklich: Ob nun aus Empathiegründen für eine fiktive Figur, die eigene Aktionen umsetzt, oder weil man medienreflektierend gekitzelt wird, könnte unbewusst bleiben.

Was wir sehen ist die fragwürdig hero- und ikonisierte „Puppe“ Lara Croft, was wir hören sind jedoch philosophierende, nachdenkliche (nicht immer gleich nachvollziehbare) Texte einer intelligent klingenden Frauenstimme. Man muß dieses aufregende Experiment wohl öfter als einmal ansehen, um mehr zu begreifen, doch auch schon ein einmaliger Kontakt lohnt aufgrund der ungewöhnlichen Herangehensweise.

9. Mai 2011

Trolljegeren (André Øvredal) 7,43




Eine Studenten-Doku über Bärenjäger scheint zunächst zu sehr am Blair Witch-Vorbild orientiert, schon bald stellt sich allerdings heraus, dass hier, mehr noch als beim letzten gelungenen Vertreter dieser Gattung (Cloverfield), der Humor im Vordergrund steht: Troll Hunter ist weniger Horrorfilm denn zum Großteil eine mockumentary-Komödie. Leider ist der liebevoll gemachte Film (was gibt es auch Schöneres, als in einer first person-Kameraperspektive durch den finsteren Wald zu huschen, in der Erwartung eines Monsters?) zunächst aber von eher schalen Witzen geprägt und läuft zu sehr in vorhersehbaren Bahnen ab – möglicherweise sind Vertreter, die vor allem auf echten Thrill und Beklemmung setzen, für dieses Genre besser geeignet als ironische, da man nicht soviel ins Reflektieren gerät. Der Aspekt mit dem einsamen Jäger, der sich zunächst abwesend-geheimnisvoll gibt und wenig später bereitwillig melancholisch alles vor der Kamera ausplaudert, ist nicht ganz gelungen (hier werden, nie ein gutes Zeichen, Erinnerungen an den dahingehend grandiosen Dainipponjin wach).

Umso erfreulicher ist es, dass der grundsätzlich ja stets sympathische Troll-Jux im letzten Drittel doch noch deutlich zulegt – in Szenen wie jener mit der „Ritterrüstung“ und spätestens dann mit dem Betreten einer Troll-Höhle mit mehreren Exemplaren steigt das Niveau – bzw. sowohl jenes der Humoreinlagen (hektisch-exzessives Einreiben mit „stench“; die Furzszene ist hier ausnahmsweise mal eine der lustigsten) als auch jenes der Beklemmung, die erzeugt wird. Der Showdown mit einem gigantisch riesigen Troll ist gar herausragend inszeniert, im Zusammenspiel aus grotesker, aber packender Situation und der erstaunlich mitreißenden Kombination aus rauschhaft rasenden Bildern (plus genialer „broken lense“ Momente und einer sehr lustigen Religionszugehörigkeit-Einlage) und intensiver Akustik. Zusätzlich gibt es dann noch ein fieses, eher unerwartetes, kleines genretypisches „Böse Regierung“-Ende.

Phasenweise ist dieser Film also ein echtes, sanft kultiges Vergnügen, aber alleine der mega-lahme Spruch im Abspann „No trolls were harmed…“ ist dann wieder eines von mehreren Beispielen dafür, dass er auch immer wieder von abgeschmackten Ideen durchzogen und somit doch kein echter Hit ist. Dennoch überwiegt am Ende das Vergnügen und die Zufriedenheit ob eines netten Spaßes mit stellenweise richtig gelungener Inszenierung.

6. Mai 2011

A very british Gangster (Donal Macintyre) 3,35




Eine Doku über einen Gangsterboss? Klingt gut, nur her damit! In der Theorie ist es dann weiters auch nicht schlecht, dass meistens sein unglamouröses Großfamilienleben gezeigt wird. In der Praxis ist dies aber einer der ödesten Filme, die man sich vorstellen kann. Dominic Noonan, ein richtig schwerer, zigmal verhafteter großer Bursche, ist so uncharismatisch, dass es zu keiner Sekunde dieser über 90minütigen Doku spannend ist, was er erzählt. Man könnte ihn mit seinem amateurmäßig impulsiven Gehabe fast schon für Fake halten, was er aber wohl nicht ist. Wenn der Reporter ihn begleitet und ihn interviewt, kommt das unglaublich peinlich daher; als ob Noonan irgendetwas wirklich Spannendes, sprich „Heißes“ über seine illegalen Aktivitäten einfach so in die Kamera erzählen würde - wobei, eigentlich quatscht er eh recht unverhohlen, doch dadurch wird es nur noch öder.

Vom elektrisierenden Wahnsinn eines Killer-Interviews wie El Sicario ist dieses mit Unmengen an „cooler Musik“ zugepflasterte Filmchen extrem weit entfernt. Man sieht vor allem die Hardcore Proletarier-Schicht Manchesters, von Noonans halbstarken Neffen bis zu den kleineren Kindern, white trash lässt grüssen. Diese Eindrücke an sich (eventuell noch weiter verfolgt) wären gar nicht mal so uninteressant (gewesen), doch dieser Film ist wie sein „Held“ einfach nur peinlich und völlig uninteressant.

5. Mai 2011

Bloody Mondays and Strawberry Pies (Coco Schrijber) 7,59




Eigentlich müsste hier nun ein Text folgen, der meine Eindrücke dieser essayistischen Dokumentarabhandlung über die Langeweile schildert. Nur leider habe ich diesen Film vor ca. einem Monat völlig übermüdet und mitten in den Urlaubsvorbereitungen gesehen und mir nicht einmal Notizen dazu gemacht. Das Verblassen detaillierter Eindrücke soll aber den positiven Eindruck, den ich von diesem Film hatte, nicht schmälern.


Anhand von Gesprächsfetzen mit einigen porträtierten Personen, vom marokkanischen Wüstenführer über einen Maler mit einer faszinierend-megaeigenbrötlerischen Passion (er malt alle Zahlen auf, von 1 weg, soweit er kommt) bis zu arbeitenden Menschen mit gewöhnlicheren Jobs spannt Schrijber mit Unterstützung vorgelesener Passagen von Dostojewski und Ellis einen schönen Bogen rund um ihr Thema und Lebensentwürfe. Dass das manchmal selbst nicht unfrei von Momenten des Plätscherns ist, liegt auf der Hand, dennoch ein schöner, ruhiger Film - da müssen wir jetzt einfach gemeinsam meinen verblassten, niederschwelligen Eindrücken von damals trauen...

4. Mai 2011

Interludium - Cantet, Mendoza, Maddin


L’emploi du temps (2001) 8,62

Eindringliches, geradezu elegisches 130 Minuten Porträt eines Mannes, der vorgibt, einen tollen neuen Job angenommen zu haben – in Wahrheit jedoch gekündigt wurde und immer mehr in eine Scheinwelt hinwegdriftet.

Aurélien Recoing spielt beeindruckend diesen Charakter, Regisseur Cantet (Entre les murs) nimmt sich viel Zeit für eine faszinierende Studie; die klassische Musik transportiert dabei mehr Gefühl als die Fassade Vincents, die fast stets aufrecht bleibt; umso beeindruckender sind dann die wenigen Momente, in denen er innerlich zusammenbricht und seiner Frau oder einem späten Freund andeutet, was in ihm wirklich vorgeht.

Anscheinend beruht der Film auf einem wahren Fall, der enorm tragisch endete; wenn man das vorher weiß, scheint, als das Filmende naht, dieses kaum aushaltbar; es könnte sein, dass Cantet damit auch richtiggehend spielt; doch sein Film endet anders – und wird dann durch die letzte Szene noch mal ergänzt, und gewinnt dadurch noch zusätzlich an Größe.

Ein großartiges Werk über einen Menschen, der abdriftet und, auf Autpilot geschaltet, im Zeitlupentempo sein Leben und das seiner Familie ruiniert. Ein Biedermann mit einem Schein-Vorzeigejob und –leben, in dessen Inneren jedoch eine schleichend destruktive Energie arbeitet. Zutiefst beunruhigend und erschreckend ist das und doch, was diesen Entwurf so intelligent-beklemmend macht, sind seine sehnsüchtigen Gedanken in Ansätzen auch nachvollziehbar (etwa wenn Vincent erzählt, dass er lieber stundenlang im Auto fährt als die Ausfahrt zum Ort eines wartenden Kunden zu nehmen). Solche Gedanken kommen vermtulich bei jedem immer wieder mal vor, nur schaffen es die meisten Menschen, sie sofort wieder zu stoppen und das Leben mit all seinen mühsamen Seiten im Großen und Ganzen zu meistern – Auszeit ist vor allem ein Film über das Nichtgelingen, das bewusste oder unbewusste, gewollte oder ungewollte Scheitern.


Masahista (2005) 6,20

Mendozas Klasse aktuellerer Werke wie Serbis oder Lola blitzt in seinem Debüt noch kaum auf (durchaus allerdings einzelne Elemente, die sein Werk charakterisieren). Extrem billige Videoqualität, oftmals fast avantgardistisch schnelle Schnitte, dann wieder extrem ausgeruhte Homoerotik-Gesprächs- und –gefühlsszenen und das völlig eigene Flair des modernen philippinischen Kinos lassen aber auch den Masseur zu einem minimal überdurchschnittlichen Werk mit einem gewissen „kann man schonmal ansehen“-Faktor werden.


The saddest music in the world (2003) 8,26

Wie eigentlich immer bei Maddin sehr charmanter, ultramelancholischer, grenzgenial abgedrehter, originell-liebevoller Wahnwitz, toll gespielt und wunderschön hommagierend gefilmt; die Spielfilmlänge schadet trotz anfänglicher Schrägheits-Bombardements-Bedenken nicht, dem oftmaligen Kurzfilmexzentriker geht auch über die lange Distanz die Luft nicht aus, der Film bleibt bis zum emotionalen, lauten und stillen Finale ein spezielles Vergnügen, wenn auch ohne genialischen Tiefgang.

2. Mai 2011

Enter the Void (Gaspar Noé) 6,62

ÜBERRUMPELND
HÄMMERN
DIE
CREDITS
TECHNODELISCH
AUF DIE
SINNE EIN





Gaspar Noé ist zurück; eine gefühlte Ewigkeit nach seiner Düsterprovophilo-trilogie Carne, Seul contre tous und Irreversible, Filmen, die bei aller Angreifbarkeit so roh und so aufregend waren, dass die Erwartungshaltung bei diesem Mann durchaus hoch sein darf.

ETV ist dann auch ein gigantisches Projekt, das trotz unentwegt drehender Kamera blöderweise nur alles andere als mind-blowing, -fucking oder gar -erweiternd ausfällt, jedoch ist Noé schon einiger Respekt zu zollen, diesen Todestrip so aufwändig durchzuziehen und (sanft!)radikal-ausschweifend ins Kino zu bringen. Der Inhalt ist halt das große Problem, die Geschichte viel zu simpel, naiv und belanglos, das Seelen-Umherschweifen zieht sich wie Kaugummi (und ist im Mittelteil tatsächlich fast so mühsam, wie es Christoph Huber erlebt hat): man kann hier kaum von Spaß, Unterhaltung oder gar Spannung sprechen und dennoch ist dieser Film alles in allem - und vor allem zum wirklich abgefahrenen, tatsächlich noch so etwas wie berauschend-hypnotisierenden Ende hin - eine ungewöhnliche Kinoerfahrung, ein Trip, den etwa Kubrick und Jodorowsky schon viel viel besser hinbekommen haben, aber das ist auch ewig her. Auch wenn Enter the Void insgesamt nicht wirklich gut, sondern höchstens hin und wieder richtig faszinierend ist: Dass es diesen Film und so einen Irren wie Noé gibt, ist schon beruhigend.