6. Januar 2013

Amer (Hélène Cattet & Bruno Forzani) 3,80



Experimentell und Verzicht auf Konkretes ist nicht immer automatisch gut. Und ohnehin oft problematisch wenn es sich um einen 90-Minüter handelt. Was in einem Kurzfilm nett gewesen wäre, wird in einer plus einer halben Stunde nämlich irgendwann ultraöd. Wenn dann aber zum formalen Stilwillen quasi gar keine inhaltlicher Gehalt dazu stößt, läuft etwas schief. Zwei Passagen in diesem Film sind so etwas wie aufregend, der Rest ist fürchterlich langweilig.

Visuell ist diese (von Kollegen so genannte) "Giallo-Referenz" extrem ausgeklügelt und mit extra viel Lust an Großaufnahmen und ununterbrochen ausdrucksstarken Bildern und durch einer zuweilen auch beeindruckenden Rhythmus-Montage geprägt.

Auch wenn man das Grundprinzip eines solchen Kinos reizvoll und interessant finden kann: In "Amer" geht es doch nur um Oberflächen, die mehr oder weniger subtilen Elemente von Angst und Sexualität bleiben schlicht banal. Ich hatte eigentlich so etwas wie einen Horror- bzw. Gruselfilm erwartet. Alpträume kann Amer kaum verursachen, in seinen besten Momenten immerhin geschickt Aufmerksamkeit erregen.

Den Timecode der zwei guten Passagen habe ich nicht notiert, die eine gibt es nach ca. 20 Minuten (als einem das erste Mal bewusst wird, dass es sich um keine lineare Geschichte handelt) und hier gibt es eine schöne Kombination aus bunten Farben und der bereits versucht erwähnten Bild/Ton "Rhythmus"-Dramaturgie. Danach wird man mit der unsinnigsten aller Episoden gequält (junges Mädchen zu Besuch im Dorf - inhaltlich sollen sexuelle Wallungen, Spannungen und Unsicherheiten dargestellt werden, was jedoch nichts über die "Qualität" aussagt) und ähnlich sinnfrei (aber immer schön extravagant) scheint es weiter zu gehen, bis die Episode um eine Frau im Landhaus in der Badewanne mit einem Eindringling Fahrt aufnimmt und Beklemmung spürbar wird - gipfelnd in einer argen Rasiermesser-Nahaufnahme-Sadismus Szene.

Nicht wenige andere Filmfreunde waren von diesem aufreizend oberflächlichen, unmittelbar auf Netzhaut und Hirnrinde zielenden Stück Film begeistert, für mich ist es leider nur eine Art (gekonntes) Malen nach Zahlen, dem eine griffige Einbettung in irgendeinen interessanten Kontext fehlt.

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