31. Dezember 2012

Sag-haye velgard (Marzieh Meshkini) 7,10



Streunende Hunde: Ein iranischer Film, der in Kabul spielt. Zwei Kinder und ein Hund sind in Not, das klingt nach Potential für existenzielles, mitreißendes und kulturell interessantes Kino.

Das Drama um einen bitteren Überlebenskampf plätschert aber schon auch ein wenig dahin. Einige Szenen und der verzweifelt-absurde Grundtenor über die Kinder, die bei ihrer Mutter im Gefängnis übernachten und tagsüber umherstreunen und versuchen etwas Geld zu machen, sind dann aber tatsächlich bewegend.

Am Ende ist die explizite Hommage an de Sicas Fahhraddiebe schon auch sympathisch, aber vielleicht etwas zu referentiell. Die unglaubliche, plötzliche Hundekampf-Massenszene schlägt da schon eher in die Kerbe von ganz besonderen Eindrücken aus einer "anderen Welt"...

22. Dezember 2012

Coriolanus (Ralph Fiennes) 6,65



Der Film sei vor allem Shakespeare-Text, kann man beim Überfliegen des Kritikerspiegels lesen – und das ist in der ersten Hälfte auch wirklich ein bisschen ein Problem. Vielleicht auch, dass das Stück an sich wenig aufregend daherkommt - und auch Fiennes Gründe, es in eine Art Gegenwart zu verfrachten, scheinen nicht besonders gewinnbringend. Die filmische Umsetzung (zu Beginn viele Kriegs-Kampfszenen) ist ebenfalls etwas medioker, wirkt manchmal sogar etwas ungelenk...

Wie so oft ist aber auch dies ein Film, der in der zweiten Hälfte zulegt und letztlich noch ordentlich unterhält. Als man Martius (=Coriolanus) ganz oben wähnt, greift das Volk ein; und erfreulicherweise hat es hier durchaus Macht - die allerdings in Wahrheit schlicht von anderen "Politikern" ausgeht bzw. ausgenützt wird. Coriolanus wird ins Exil geschickt und verbündet sich mit seinem Todfeind. Er wird zu einem scheinbar emotionslosen, endgültig eiskalten Wesen, das nur noch Vernichtung im Sinn hat.

Fiennes inszeniert sich selbst in diesem Teil des Films am besten (ein bisserl Voldemort spielt in die Performance wohl noch rein), doch grandios ist vor allem Vanessa Redgrave als seine Mutter, und zwar vor allem in dieser einen Szene, in der sie ihn zum Umdenken bringen will.

Es ist schon mühsam, zwei Stunden Shakespeares Sprache zu folgen, und es mag auch nicht sein bestes Drama, Fiennes Umsetzung nicht die tollste Umsetzung sein; dennoch werden immer wieder packende Sphären erreicht.

18. Dezember 2012

Tatsumi (Eric Khoo) 8,15



Sehr düster (mit dem Titel Hölle und wilden Kriegs-Fiebertraum-bildern) beginnt dieser außergewöhnliche Animationsfilm, der zum Teil Biografie der titelgebenden Comic- (bzw. Gekiga = dramatisches Bild) Legende und zum Teil Verfilmung seiner Geschichten ist. Bis man diesen Aufbau verstanden hat, kann einige Zeit vergehen, in der die rauschhaften Bilder recht schwer zu deuten sind.

Die verfilmten Geschichten sind düster, melancholisch und abgründig-humorvoll, es geht in ihnen vor allem um Sex (bzw. Frauen), Ängste, den Tod und natürlich die Kunst.

Phasenweise ist der Film geradezu betörend schön oder schön verstörend; die etwas sperrige Struktur und die Tatsache, dass die vielen Episoden in Summe einen eher oberflächlichen Kurzgeschichten-Teppich ergeben, in dem viele Seelenqualen und Hintergründe nur erahnbar (und die Legende Tatsumi selbst somit etwas fremd) bleiben, hinterlassen dennoch einen winzigen Hauch von Enttäuschung. Vielleicht müsste man sich in dieses Werk (Tatsumis) aber auch einfach nur tiefer hineingraben, um die wahre Größe zu erkennen.

14. Dezember 2012

This is love (Matthias Glasner) 7,35



Glasner spaltet wohl viele (oder zumindest einige) Filmfreunde in zwei Lager. Ich finde das Pathetisch/bitter Emotionale und offen auf „Größe“ angelegte Parabelhafte in den mir bislang bekannten Filmen sehr okay (dabei habe ich seinen berüchtigten Der freie Wille noch immer nicht gesehen). Großartige SchauspielerInnen in Gefühlszerfleischung, ausdrucksstarke Bilder – so ein Kino mag ich, trotz grenzwertiger Konstruktion.

13. Dezember 2012

¡Vivan las Antipodas! (Victor Kossakovsky) 9,00




Wie schön ist unsere Erde! So einen Film zu drehen, hätte auch schiefgehen können: das Banale auf der einen, das Prätentiös/Künstlerisch/Überhobene auf der anderen Seite. Doch Kossakovsky hat eine wunderbare Symphonie aus Bildern und Musik erschaffen. Acht Plätze unseres Planeten, unterschiedlich oder ähnlich, alles ist möglich. Der Mensch bis auf zwei bis drei Großaufnahmen nur kleiner Teil der Flora und Fauna. Die Kamera kippt, fliegt, rauscht, die Landschaften sind so aufregend, Kossakovsky findet bisweilen genial Ähnlichkeiten und sehr häufig atemberaubend schöne Bilder.

Der Film hängt in der Mitte kurz durch, ist davor und danach aber eine Erfüllung, die denkbar schönste Kombination aus Natur und Kunst. Quasi wie Werner Herzogs Encounters at the end of the world, nur ohne Interviews und mit noch mehr Oper und rauschhaften Bildern. Oder wie Tree of Life, nur ohne Jenseitskitsch.

11. Dezember 2012

Moonrise Kingdom (Wes Anderson) 8,27




Der Beginn ist Wes Anderson wie immer, quasi ein Selbstzitat aus seinem wohl großartigsten Film (hilarious) Life Aquatic with Steve Zissou. Langsam nützt sich das alles ab (das könnte ich aber schon bei Darjeeling Limited geschrieben haben).

Doch das kleine Pfadfinder-/Insel-Universum, das er im Anschluß entwirft, ist eben auch wie immer liebevoll-detailliert und enorm charmant gestaltet. Gar nicht so lustig wie vielleicht erwartet wohnt der Teenie-Romanze trotz aller Skurrilitäten eine erfreuliche Ernsthaftigkeit inne.

Formal ist Anderson mit diesem Film vielleicht besser denn je. Einstellungen und Musik ergeben eine perfekte Symbiose, vor allem die Inszenierung beim Showdown ist fantastisch, und nicht zuletzt dank dieser netten Musik strömt das Publikum beschwingt aus dem wahren Königreich dieses begnadeten Filmemachers, dem Kino-Saal.

8. Dezember 2012

Stillleben (Sebastian Meise & Thomas Reider) 7,88



Voyage, Voyage. Eine Hütte am Feld. Drinnen ist ein Pädophiler, das weiß man. Man weiß aber nicht gleich, was er da drin macht. Gefilmt ist dieser Beginn von einer auffallend statischen Kamera, die ja mittlerweile ein Markenzeichen des österreichischen Films, von Seidl bis zu Geyrhalter und zuletzt auch Schleinzer mit dem letztlich überragenden Pädophilenfilm Michael, ist. Dass Meise sein Werk formal genau so beginnt, ist erstmal ein wenig fad und wirkt auch wenig eigenständig.

Doch nicht nur weil Kamera und Bilder mit der Zeit freier werden, kann der Film immer mehr überzeugen. Die Vorstudien aus Outing haben Reider und Meise zu einem philosophisch gefärbten Drama über Moral und Schuld überspitzt. Der Familienvater onaniert regelmäßig zu Kinderfotos seiner bereits adoleszenten Tochter. Der Sohn deckt das auf, der Vater entfernt sich von der Familie – und durch diese Schmach auch endgültig vom Leben; so erwartet es zumindest der Zuschauer, doch Meise/Reider spielen geschickt mit diesem erwartet fatalen Ausgang, um den Film deutlich komplexer und zu einer recht interessanten Familienstudie werden zu lassen.

Der Vater hat die Tochter nie angerührt, erfahren wir später. Ist er überhaupt an irgendwas schuldig? Kann ihn die Familie, die Tochter trotzdem noch in irgendeiner Form gern haben? Was wird er tun, jetzt, wo seine engsten Mitmenschen sein dunkles Geheimnis kennen?

Stillleben ist einerseits als Fiktion weniger beklemmend als die „Realität“ von Outing. Und dennoch ein fast genauso spannender Film zu einem extremen Thema und den Fragen, wie und ob man denn als Betroffener und wie und ob als wissender Mitmensch mit der Pädophilie umgehen kann.

5. Dezember 2012

Outing (Sebastian Meise & Thomas Reider) 8,30




Eine ruhige Dokumentation über ein bisher filmisch wenig aufbereitetes, tabu-besetztes Thema: Pädophilie. Ein Student findet junge Burschen sexuell anziehend und verliebt sich dabei auch. Er ist sich jedoch bewusst, dass er ihnen niemals zu nahe kommen darf. Aber kann ein Mensch so etwas überhaupt ein Leben lang aushalten? Wie soll er selbst, sein Umfeld, die Gesellschaft mit dieser Situation umgehen?

Sebastian Meise und Thomas Reider recherchierten für ihren Spielfilm Stillleben (Besprechung folgt) und stießen dabei auf Sven, den sie vier Jahre lang begleiteten – die „dokumentarische Ergänzung“ ist dabei selbst zum Film, und auch zum deutlich spannenderen, einnehmenderen als die preisgekrönte Spielfilmvariante geworden.

Dass hier jemand mit einer „bösen“, „abstoßenden“ Neigung einfach nur als der leicht naive, liebliche, schüchterne junge Mensch gezeigt wird, der er eben ist, ist außergewöhnlich, aber bereichernd; dadurch entsteht nämlich ein Werk, das fordert, das verstört, das eine Vielzahl an Fragen über den Umgang mit Thema und Betroffenen aufwirft und Reflexionsbögen in Gang setzt wie sonst kein anderer Kinofilm in diesem Jahr.

3. Dezember 2012

The Dictator (Larry Charles) 7,43



Lachen kann man auch hier wieder viel, aber im Gegensatz zu Cohens früheren Figuren und Filmen fehlt die Genialität seiner Demontage von Rassismus, Sexismus und Ähnlichem. Und damit fehlt dem Projekt auch der tiefere Sinn, von dem die Figuren und Filme Ali G, Borat, aber auch Brüno beseelt waren.

Cohen ist in seiner politischen Inkorrektheit weiterhin sehr lustig, doch die vielen Witze über Frauen, oder das Treten von Kindern etc. sind manchmal etwas ziellos und wenig doppelbödig, der Wandel des bösen Diktators zur guten Person ohnehin vorhersehbar.

Doch die meist pubertäre Groteske ist im Großen und Ganzen schon äußerst lustig und hat einige echte Highlights zu bieten, etwa die geniale Osama/911 Konversation beim Hubschrauberflug oder die furios-abgedrehte Geburtsszene. Dazu einige kleinere Schmankerl wie das Bart organisieren von „Morgan Freeman“, oder das Verwirrung stiftende Wort aladeen, u.e.m.

2. Dezember 2012

The Avengers (Joss Whedon) 5,40



Nach den vielen Marvel-Einzelfilmen (mit den Highlights Hulk von Ang Lee und Thor von Kenneth Branagh) fällt das Aufeinandertreffen der Superhelden völlig enttäuschend aus. Zu Beginn kann man sich noch über die fesche Robin aus "How i met your mother" als mimiklose Möchtegern-tough lady amüsieren, danach muß man ewig warten, bis es wieder eine halbwegs aufregende Szene gibt. Interessante Einstellungen oder Kameraperspektiven gibt es ungefähr eine im Film, und die Dialoge und Sprüche zwischen den Helden sind lahm (das Gekabbel zwischen Iron Man und Captain America ist wenigstens gut gemeint, aber meistens so vernuschelt, dass man eh kaum was versteht).

Die coolsten der Avengers sind ohnehin Thor und Hulk, letzterer hat auch immerhin(!) drei bis vier witzige Momente spendiert bekommen. Das Desaster des langweilig-braven Films verdeutlicht aber am meisten die Figur des Thor. War sein eigener Film noch ein Quell des Charmes und des Witzes, sind seine Auftritte hier völlig humor- und belanglos, die Figur wird total verschenkt. Immerhin, Bruder Loki ist das Beste am faden Hype, Tom Hiddleston hat einen guten Psychopathen-Grinser drauf und zeigt eigentlich als Einziger Präsenz.

Zu viele Helden verderben jeden Brei, keine Figur außer Bösewicht Loki hat Profil. Der megaerfolgreiche Film ist lange völlig langweilig und dann kommt die Mega-Actionsause. Nur ist die leider genauso langweilig, trotz des Gigantismus. Interessant vielleicht noch die 9/11-Zerrspiegelung, aber im sicher über 20 Minuten langen Kampf gegen die Alien-Armee dauert es dennoch ewig, bis sich ein Fünkchen einer Unterhaltsamkeit einstellt.

Der obligatorische Fortsetzungsteaser zwischen nachgereichtem Vor- bzw. Abspann ermüdet dann endgültig noch – der in den letzten 10 Jahren mega-ausgepresste Schwamm der Superhelden-Comic-Verfilmungen ist im Moment total ausgetrocknet. Da passt es ja ausgezeichnet, dass man den Quasi-Beginn dieser Ära (nämlich den ersten Spiderman Film) jetzt einfach rebootet. Wobei man wiederum schon froh sein kann, dass es dann nur einen „Star“ geben wird…


P.S.: War der Film eigentlich in 3D? Ich glaube, ja. Gebracht hat es, wie mittlerweile öfter im Kino, genau nichts.

28. November 2012

Rubber (Quentin Dupieux) 8,27



Eine echte Überraschung und nachträglich noch ein Highlight aus dem letzten Jahr: Der Film über den mordenden Reifen ist nicht nur ein schräges B-Movie (das wie soviele nach einiger Zeit dann fad und redundant wird), sondern absurdes Meta-Theater. Filmfiguren möchten die Zuseher vergiften, damit sie früher nach Hause gehen können (diese Ebene hat letztlich mehr Bedeutung als die Handlung mit dem Reifen selbst) – ein kleiner Geniestreich von Dupieux, der auch sonst alles schön im Griff hat: edle Bilder, platzende Köpfe und ein fetziger Soundtrack.

23. November 2012

Rosenmüller, Suzuki, Soavi


Wer früher stirbt, ist länger tot (2006) 8,29

Mittlerweile ja schon eine Art Kultfilm, endlich auch mal gesehen: Die Mischung aus bodenständigem bayrischem Schmäh und gefühlvoller Poesie ist ein sympathisches Kunststück. Im Mittelpunkt steht, neben allen möglichen sonstigen köstlichen Gestalten, ein sympathischer, an den höheren Mächten verzweifelnder Lausbub mit vor allem katholisch eingeimpften Schuldkomplexen, und folgerichtig spricht der Film oft aus einer kindlichen Persepektive, was zu komischen „Verständnisproblemen“ führt, und immer wieder zu sehr heiteren, aber auch bemerkenswerten (ja, vermutlich Fellini-haften) Sequenzen, etwa die wiederkehrenden Fegefeuer-Gerichts-Alpträume oder der Wahn am Ende..


Tantei jimusho 23: Kutabare akuto-domo / Detective Bureau 2-3: Go to hell, bastards (1963) 5,30

Natürlich kann nicht jeder Suzuki so enorm sein wie Tokyo Drifter oder gar der eben besprochene Branded to Kill, aber ein wenig mehr an Speziellem braucht es dann doch für einen lohnenswerten Ausflug ins japanische 60-er Kino. So ist es halt nur eine launige Undercoverermittler gegen Gangster-Chose mit herrlich relaxtem Jazz und kleinen Musicaleinlagen, aber tja, das war es dann eigentlich auch schon. Der Rest ist kaum erwähnenswert. Zwar sympathisch, hat aber auch zu wenig bzw. eigentlich so gut wie gar keine „Wow-Momente“ - sicher kein Suzuki, den man unbedingt gesehen haben muß.


Dellamorte Dellamore (1994) 3,35

Eine Zeit lang ein charmanter, morbider, artifizieller Blödsinn über einen Friedhofswärter, Zombies und die Liebe. Der Humor, ein wichtiges Element an diesem Werk, ist sehr speziell und in meinem Fall als kaum witzig empfunden; jedenfalls ist das immer eher klamaukig und trashig als gruselig oder wirklich stimmungsvoll.

So weit, so immer noch ganz erträglich, aber in der zweiten Hälfte herrscht dann nur noch Konfusius: die Geschichte dreht ab, ohne jedoch irgendwelche „Mindfuck“ Qualitäten zu besitzen; zahlreiche Elemente verderben den Brei, die Regie (die im Ansatz ganz reizvoll war) verliert völligen Zusammenhalt.

Am Ende war das kein reizvoller Psychotrip, sondern nur noch Schwachsinn, bei dem die köstlichen Momente auch immer weniger wurden. In der ersten Filmhälfte hätte ich einen kleinen Kultstatus gerade noch nachvollziehen können, aber so wie der Film gegen Ende absackt, ist fast schon als dilettantisch zu bezeichnen.

19. November 2012

Filmgeschichte: Koroshi no rakuin/"Branded to kill" (Seijun Suzuki, 1967)



Filme, die 90 Minuten lang absurde Blüten treiben und das Kino dekonstruieren, laufen auf Dauer Gefahr etwas mühsam, emotional leer zu werden und am eigenen Anspruch zu ersticken…

Doch was Suzuki hier geschaffen hat, ist ein Werk für die Ewigkeit, ist zutiefst bewundernswert, zählt zu den allergrößten Errungenschaften der Filmkunst und war natürlich ein genialer, verspielter, radikaler, humorvoller, eigengefährdender Schlag ins Gesicht aller „Genrefreunde“, NormalkinogängerInnen, der Produktionsfirma, usw. Und so radikal umwerfend ist er auch heute noch, glücklicherweise ist es dabei auch völlig egal, wie viele Filme man davor schon gesehen hat.


9,60 P.

18. November 2012

También la lluvia (Icíar Bollaín) 8,35




"Und dann der Regen": Einer der packendsten und intensivsten Filme dieses Kinojahres über ein spanisches Filmteam, das in Südamerika einen Film über Columbus bzw. Christen, die die Ausbeutung der Ureinwohner kritisierten, dreht (ein bisschen ein nostalgischer „irrer Herzog dreht in Südamerika“-Faktor ist hier stets dabei).

Handlungsmuster und Einstellungen der Vergangenheit wiederholen sich in der von Armut und dem Kampf gegen die ausbeutende Regierung geprägten Gegenwart, das Filmteam versetzt sich teils enorm in die Rollen hinein, und das gibt dem Film, neben den Thrill-Aspekten der Geschichte, seinen faszinierenden Unterboden: Die Verzahnung von Film und Realität bzw. Politik sowie die ideologischen Diskussionen und Auseinandersetzungen, die geführt werden. Das wuchtige Drama ist dabei in seiner Konstruktion sicher manchmal auch etwas simpel, bleibt jedoch meistens sowohl emotional als auch kognitiv spannend und sowieso aufregender als so ziemlich alles andere noch viel formelhaftere im „Unterhaltungssektor“. Kurzweilig ist der Film auch so ziemlich jede Sekunde. Großartig gespielt sowieso (Bernal, Tosar!).

Natürlich stellt sich für die Mitglieder der Crew gegen Ende immer mehr die Frage: Ist (der) Film das Wichtigste? In dieser Frage schlägt sich Regisseurin Bollain dann auch auf eine Seite, was grundsätzlich sympathisch, jedoch vielleicht etwas holprig geschieht.

21. Oktober 2012

Alpeis (Giorgos Lanthimos) 7,42



Der neue Lanthimos ähnelt dem Vorgänger Kynodontas: rätselhafter Aufbau und dann gibt es da schon wieder so ein Mikrosystem mit eigenen Regeln. Durch sein existenziell-berührendes Thema, geliebte Menschen, die einem weggestorben sind, behalten zu wollen, ist das bisweilen etwas spröde dahinschlendernde, nicht vollständig überzeugende Drama sehenswert.

Gegen Ende des Films bekommt die Hauptdarstellerin endlich auch mehr bzw. ein tragisches Profil, das Publikum endlich ein bisschen Halt; einen tieferen Sinn hinter seiner „Anordnung“ scheint Lanthimos nicht mal selbst so recht zu sehen, doch das Leiden und verzweifelte Streben seiner Figuren ist bewegend und faszinierend zugleich. Vor allem der Strang mit dem harten Trainer und der jungen Tänzerin ist heftig, das Ende bei Lanthimos wieder einmal auch formal beeindruckend.

13. Oktober 2012

Chronicle (Josh Trank) 7,85



Tolle, spaßige, dynamische, aber auch immer dunkler werdende Unterwanderung des Superheldenfilms. Das "coming of superhero-age" wurde wahrscheinlich noch nie so liebenswert pubertär dargestellt, nichtmal in Raimis erstem Spider-Man: der schleichende Übergang von Kindereien mit den Kräften, bis diese immer mehr ihr Gefahrenpotential entwickeln, ist natürlich vorhersehbar, aber ein unterhaltsames und vergnügliches Konzept. Die Effekte verblüffen und es macht Riesenspaß, den Jungs beim Fliegen etc. zuzusehen, bis es dann immer dramatischer wird.

Störend ist da nur die total inkonsequente Umsetzung des „Selbst filmens“ (found footage ist hier fast schon der falsche Begriff). Raubt einem das nicht die Nerven, bekommt man einen erfrischend gewitzten und erstaunlich inszenierten, "anderen" Superkräfte-Film geboten.

11. Oktober 2012

Meek's Cutoff (Kelly Reichhardt) 7,58



Vielleicht ist Kelly Reichhardts Western ein Meisterwerk, das Konzept jedenfalls ist so radikal wie es nur sein kann: konsequent auf 1,33:1 reduziert, unglaublich spröde, schwer zugänglich. Ein Hochgenuß, dem beizuwohnen ist es jedoch (zu) selten, ganz im Gegensatz zur faszinierenden Ruhe von Old Joy oder dem großartigen Wendy and Lucy bleibt Meek's Cutoff doch eher gefangen im Spannungsfeld zwischen Kunst und Langeweile.

Das Spürbarmachen der Unsicherheit, das Hineinversetzen in diese fast surreale Situation des Überlebenskampfes der kleinen Gruppe und auch der feminine Blickwinkel auf eine männerdominierte Welt bzw. ein männerdominiertes Genre kommen erst spät im Film besser zur Geltung.

Eigenartige Szenen im Halbdunkel stehen einzelnen grandiosen Bildeinfällen gegenüber: etwa die ultralangsame Überblende, die einen Reiter wie am Himmelszelt entlang schleichen lässt, oder als jemand plötzlich völlig getarnt nach einigen Sekunden aus den Felsen hüpft. Das ist verblüffend, aber vielleicht auch nicht mehr als das seltene Hinwerfen von kleinen kunstvollen Brocken in einen zähen "Naturalismus"-Brei.

Meek's Cutoff ist schwer einzuordnen, nicht jedem empfehlbar: sehr spröde, zuweilen fast ungenießbar, wenig packend, aber definitiv ein Ereignis, ein in gewisser Weise wohl gar genialer femininer Kommentar zu einem uramerikanischen Männer-Genre.

2. Oktober 2012

The Mill and the Cross (Lech Majewski) 8,60




Man könnte sie fast meditativ nennen, diese Reise ins Mittelalter (und definitiv reizvoller als jene in Faust, weil zwar auch leicht artifiziell aber nicht so künstlich überdreht und geschwätzig wie bei Sokurov), wenn da nicht die ganze Grausamkeit des Menschen überpräsent wäre: Peitschen, Aufhängen, Kreuzigen, das volle Programm. Tut der berauschenden Qualität dieses Films natürlich keinen Abbruch.

Das Konzept ist großartig (wenn auch nicht völlig neu) und könnte meinetwegen gern noch mehrere solche Genrevertreter nach sich ziehen: ein bedeutendes, pralles Gemälde als Ausgangspunkt für einen Film zu nutzen. Gewiss ist dafür auch einiges an Genialität nötig, Machewski hat das sehr ausgeklügelt und meisterhaft umgesetzt – einer der faszinierendsten Kinobesuche des Jahres.

13. September 2012

Warrior (Gavin O'Connor) 8,28


Ein außergewöhnlicher Film – ob er auch als außergewönlich gut bezeichenbar ist, scheint zunächst schwer festzulegen.

Es gibt hier soviele Elemente des klassischen (Boxer-)Außenseiterheldenfilms, und dann auch noch zahlreiche Elemente, die für sich genommen diskutabel bis blöd sind (skeptische Ehefrau wird am Ende doch zum größten Fan, relativ sensibler Lehrer(!) nimmt an ultrahartem Kampfturnier teil, um sein Haus zu retten(!), der andere Antihero ist ein eigentlich heldenhafter, aber geächteter Soldat, usw…).

Was dieses kraftvolle Over the Top-Drama allerdings so richtig toll macht, könnte gleichzeitig am Papier das Allerblödeste daran sein: spät im Film stellt sich heraus, dass beide Hauptfiguren Brüder sind; der Vater, trockener Alkoholiker hat es sich mit undefinierten Vorfällen aus der Kindheit mit beiden verscherzt, die Brüder selbst können auch nicht mehr miteinander… (am meisten aus der relativ unbeleuchteten Vergangenheit erfahren wir noch in einer verdächtig an Heat angelehnten Szene).

Der sehr (hollywoodesk) klassisch, stark inszenierte Film lädt förmlich zum Mitfiebern ein: es gibt zwei ebenbürtige Hauptfiguren, die beide um den Sieg in einem harten Turnier kämpfen. Mit das Spannendste ist nun wirklich, dass man nie wissen kann, für welchen der beiden möglichen tragischen Figuren sich der Regisseur am Ende als Verlierer bzw. Sieger „entscheidet“; bei Urviech Tommy (zum ersten Mal ist mir Tom Hardy hier richtig aufgefallen, und dann gleich so beeindruckend) ist eh klar, dass er ins Finale kommt; dass es auch Brandon schafft, ist nicht ganz vorhersehbar, am Ende passsiert es jedenfalls doch, was man ganz analytisch wieder als etwas lahm bezeichnen könnte; doch O’Connor gestaltet seinen Film (mit fiebrigen Kampfszenen und Parallelmontagen) tatsächlich so mitreißend, dass die Blödheit des Konstrukts der Wucht der Bilder und Kraft der Gefühle nichts anhaben kann, sie auf eigenwillige Weise eher sogar noch verstärkt.

Man kann auf jeden Fall auch das Grundsätzliche an diesem Kämpferdrama blöd finden: sich auf die Fresse schlagen als Grundlage dafür, ein „Held“ sein zu können. Aber wozu gibt es Kino (unter anderem)? Und letztlich – auch das im Grunde etwas banal, aber dennoch sehr sehr schön – haben beide Brüder einen weichen Kern – selbst Tommy (die Szene, als er den Vater erst abstoßend beleidigt und kurz darauf in einer animalischen Zärtlichkeit versorgt und hält, ist unglaublich…).

Warrior ist etwas ganz Seltenes: ein Film, der „harte Kerle“-Action, -Stimmung, -Werte, etc. mit einer im Grunde total kitschigen Philosophie verbindet; ein klassisches Sport-/Box-/Hero-Drama gemischt mit einer fast biblischen Brudertragödie, welche am hochemotionalen Ende (die beiden wanken gemeinsam, umschlungen in die Kamera) übrigens nicht tragisch, sondern versöhnlich ausgeht. Warrior ist intensives Körperkino, wie eine Art existenzialistische, aber positive Antwort auf The Wrestler; der Krieger Tommy, ein zerrissener, traumatisierter Mensch, der nur (noch) durch das Prügeln das Leben und seine Gefühle aushält. Ein unbedingt erfahrenswertes, komplett wahnwitziges Jahreshighlight.

10. September 2012

Kleinstheim (Stefan Kolbe & Chris Wright) 8,20



Ein Partnerfilm zu 9 Leben, ganz anders im Stil, doch das Resultat ist quasi das gleiche: Neun Heimkinder in Ostdeutschland werden porträtiert; unsicheres Lächeln, traurige Schicksale, ein schwer zu meisterndes Leben mit schrecklichen oder ganz ohne Eltern.

Im Vergleich zu Maria Speths Studio-Interview-Konzept ist dieser Film künstlerisch nicht ganz so streng angelegt, doch sehr gefühlvoll. Die Filmemacher kommen den Kindern und diversen Situationen sehr nahe, oft ist die Stimmung unglaublich intim eingrfangen (kaum verständliches Flüstern), alles ist respektvoll und einfühlsam gedreht. 

Poetische Bilder verweben sich mit dem oft tristen Alltag, dazu gibt es emotionalen Post-Rock. Dramaturgie gibt es lange keine ersichtliche, der sehr offene Film wird dann aber doch in Bahnen gelenkt, das Ende soll Hoffnung vermitteln.

6. September 2012

Barbara (Christian Petzold) 8,45



Selbst jemandem, der das System DDR kaum kennt und keinen besonderen Bezug dazu hat, vermittelt das Drama gelungen ein Gefühl davon, wie Menschen ein scheinbar normales Leben führen und doch Gefangene im eigenen Land sind. 

Petzolds Muse Nina Hoss steht wie schon bei Yella als Frau im Mittelpunkt des Films, ist diesmal aber eine starke, selbstbestimmte Figur - die Ärztin, die sich dem System nicht beugen und ihm entfliehen will. Ihr Heldentum in dem meisterlich arrangierten Drama ist ein leises, aber deutliches. 

Barbara ist eines der besten Werke des präzisen und oft auch poetischen Dramatikers. Von einer Überraschung kann man da bei Petzolds Klasse nicht unbedingt sprechen, aber es ist schon einer dieser Filme, bei denen weder Thematik noch Stil etwas wahrhaft Herausragendes zu garantieren scheinen, die in Wahrheit aber immer besser und besser, schöner und schöner werden, bis man beim Abspann ergriffen und glücklich im Kinosessel hängt.

1. September 2012

Das unsichtbare Mädchen (Dominik Graf) 8,21



Nach seinem etwas lahmen Dreileben-Teil ist Dominik Graf wieder voll in gewohnter Spur; sein vielschichtiges Krimidrama beginnt ähnlich ruhig verrätselt wie schon „Komm mir nicht nach“, bayrisches Setting und Mentalität tragen sofort wesentlich zum Unterhaltungsfaktor bei. 

Graf mixt auf beeindruckende Art Elemente des einsamen Polizistenwolf-Genres mit jenen aus Politthrillern – ein schlüssiger Beitrag in einer Zeit, in der Politiker-Skandale (nicht nur in Deutschland) scheinbar schon zum Alltag gehören. Köstlich ist zudem auch der Seitenhieb am Ende auf ein männerdominiertes Bayern. Die Kindersex-Aspekte des Reißers sind beklemmend, werden aber eher subtil serviert. 

Vor allem im letzten Drittel dreht Graf auch wieder ordentlich auf: sei es der unfassbare Zimmerfight zwischen Cop und Cöppin, die fast Taxi Driver-sche Bordellsequenz oder das geniale „Western“-Ende inklusive herrlichem SloMoHeadshot(!) – Exzess und Extase im Fernseh-Hauptabendprogramm. Graf wird scheinbar auch immer verspielter, immer virtuoser in seinem Spiel mit (Polit-)Krimi und (Fernseh-)Kino.

31. August 2012

Donauspital (Nikolaus Geyrhalter) 8,10



Bilder wie aus einem Sci-Fi-Film: Eine kleine Armada von Transportwägelchen fährt ohne menschliche Unterstützung durch Gänge - ein Anblick, der für den unbedarften Betrachter (trotz besseren Wissens) vielleicht noch futuristisch anmutet, ist längst Alltag in einem großen Wiener Krankenhaus. 

Auf den ersten Blick kann man ohne es zu wissen erkennen, dass dies ein Film von Nikolaus Geyrhalter ist. Die statische Kamera, der kühl konzentrierte Blick auf das Geschehen ist längst unverkennbares Stilmittel des Dokumentaristen (Unser täglich Brot). In Donauspital wechseln sich banal-langweilige Szenerien mit geradezu beklemmenden (diverse Operationen mit „Live-Bildern“ aus dem Körperinneren) ab. 

Der Film wird vor allem in seiner Summe zum Erlebnis, macht er doch dadurch ein gigantisches System spür- und in Ansätzen begreifbar – zusätzlich erfreuen die unterhaltsamen (oder auch berührenden) Qualitäten einzelner Tableaus: man kann sich etwa angenehm mit Bildern aus der Augenchirurgie gruseln oder wird beim Blick auf die engagierten SeelsorgerInnen des Krankenhauses zum Schmunzeln gebracht. Der Blick auf das Sterben und den nüchternen Umgang mit dem toten Körper ist in einem derartigen Film fast schon obligat. Donauspital ist in der Konzentration auf ein abgeschlossenes System wieder wesentlich besser gelungen als Geyrhalters voriger Blick auf das Abendland.

28. August 2012

Super (James Gunn) 8,26




Der lockere Punkrock im liebevollen Vorspann gibt schon die Richtung vor: dieser Film fühlt sich nach den 90ern an – eine liebevoll-kreativ-maßlose Verbindung aus Nerd-Humor und krasser Gewalt, und dazu noch Kevin Bacon als Fiesling (wenn auch mit sehr wenig Screentime)!

Der neurotisch-psychopathisch getriebene Kampf gegen das Verbrechen fällt nicht ganz so kunstvoll wie Kick-Ass, dafür enorm unterhaltsam, ziemlich böse und herrlich abgefahren aus. Ellen Page wirkt als Psychopathin etwas übertrieben, lustig ist sie aber dennoch.

Der selbstjustiziöse Gewalttick des Helden mit fraglichem "Identifikationspotential" scheint etwas unreflektiert, und der traumatische Unterboden etwas unterentwickelt, andererseits ist der Film (im positiven Sinn) so panne, dass das nicht wirklich stört.

27. August 2012

The Artist (Michel Hazanivicius) 6,30



Ah ja, da war ja noch was...

Vor knapp fünf Monaten gesehen und damals keine Notizen gemacht. Vielleicht zeigt auch das, wie egal der oscargekrönte Film eigentlich ist. Natürlich sehr nett und charmant gemacht, aber im Vergleich zu zahlreichen Stummfilmklassikern oder auch ähnlichen, an der Kippe des Stumm- zum Tonfilms angesiedelten Stoffen wie Singin in the rain oder Sunset Boulevard viel zu harmlos, und vor allem auf Dauer immer belangloser. Ein paar nette Szenen sind vage im Gedächtnis geblieben, aber eben auch das Gefühl im Kino zu sitzen und kaum berührt, gefordert oder unterhalten zu werden. In gewisser Weise ist The Artist bei aller Detailfreude und gekonnter Umsetzung verwandt mit Refns Drive: man wundert sich, warum so viele Menschen davon so geflasht (oder einfach nur seicht befriedigt?) wurden.

20. August 2012

Haru tono tabi (Masahiro Kobayashi) 8,23



Harus Reise: Ein schöner Taschentuchfilm, mit leiser, melancholischer (Klavier-)musik begleitet und in der Tradition eines klassischen japanischen Kinos sehr ruhig inszeniert. 

Ein Mädchen und ihr Großvater auf einer kleinen Odyssee. Weil sie keine Arbeit mehr im Dorf bekommen kann und in die Stadt ziehen soll, will er bei einem seiner Geschwister unterkommen um ihr ein eigenständiges Leben zu ermöglichen. Doch die Familienverhältnisse sind von früheren Zwisten durchzogen, der Umgang der Älteren konfliktbeladen; umso schweriger gestaltet sich das Unterfangen… 

Es geht um Unterstützung und Zerwürfnisse in der Familie, um einsame Seelen, die versuchen Halt zu finden und zu geben. Gegen Ende wendet sich der Fokus vom Schicksal des Großvaters auf jenes von Haru selbst…

Die bewegendsten Momente im Film sind dabei jene, in denen die Schauspieler durch ihr minimalistisches, aber großartiges Spiel Tiefe und Seelenleiden spürbar machen. Kobayashi inszeniert viel „massenfreundlicher“ als im radikal-repetitiven "The Rebirth"; eher werden da Erinnerungen an Miyazakis ruhige Filme (wie Totoro) oder Arrietty wach. Ein ruhiges, leise bewegendes Drama, formal nichts Besonderes, aber wie man so sagt, zeitlos schön.

18. August 2012

Shotgun Stories (Jeff Nichols) 8,23





Der Stil des Films, eine Art Poesie des Schäbigen (inklusiver lässiger White Trash-Figuren), erinnert an Kollegen des aktuellen amerikanischen Indie-Kinos wie Kelly Reichhardt und Debra Granik; inhaltlich thematisiert Nichols etwas, das es schon oft im Kino zu sehen gab: eine Spirale der Gewalt. 

Er legt das auf eher simple, dafür archaische Weise an, im Gegensatz zu etwas komplexeren aber dadurch vielleicht auch etwas verkünstelten Werken wie Ajami oder Haevnen; doch die direktere, teilweise etwas eintönige Variante ist nicht minder spannend; auch weil Nichols geschickt montiert und z.B. bei den Gewaltausbrüchen stets früh wegblendet.

Gegen Ende scheint es keinen Ausweg mehr zu geben, doch es kommt zum Glück einmal anders. Die Botschaft ist wunderbar: es braucht einfach den Mut, Stop zu sagen und ehrlich aufzutreten. Nicht immer muß auf die Aktion, die Reaktion, dann die nächste und so weiter und so fort folgen. Natürlich kann das nicht immer funktionieren, aber es ist es allemal wert probiert zu werden, so die These des Films. Und wenn es auch nur der nächsten Generation in einer "Blutfehde" dienen kann. 

Die schöne Schlusseinstellung mit den beiden biertrinkenden Brüdern und dem Sohn auf der Veranda lässt das Ende der Geschichte (why Stories?) im Prinzip offen, doch es spricht eine deutliche Sprache: Ende des Konflikts, ein friedliches Existieren ist möglich. Es ist die Einfachheit, die dem Plädoyer des späteren Take Shelter-Regisseurs Universalität verleiht – ein Film, den man so gesehen rund um die Welt zeigen könnte und müsste. Vermutlich ist Nichols nicht der Erste, dem das einfällt, schön ist es dennoch. 

Spannend wäre es nun, zum Vergleich noch einmal Walter Salles thematisch ähnlichen „Hinter der Sonne“ anzusehen – auch diese Erinnerung ist leider schon völlig verblasst.

13. August 2012

Kurzfilme, gesehen in Museen


Incidents (Igor & Svetlana Kopystiansky, 1997) 8,30 

Wie dieser magische American Beauty-Moment mit dem durch den Wind treibenden Plastiksackerl, nur in (15 min) lang. Gut möglich, dass irgendjemand aus dem AB-Team während der Produktionszeit dieses Video in einer Ausstellung in New York gesehen hat, zeitlich würde es passen. Müllpoesie in purer, magischer Form. 


Natural History (Christian Gonzenbach, 2005) 8,25 

Gurken wuseln durch ein Museum und schauen sich in Vitrinen eingelegte Gurken an – eine sehr witzige Idee mit intelligentem Grundgedanken. Dazwischen immer wieder mit Brummen unterlegt eine eingelegte Gurke in Großaufnahme – wie ein im All dahin treibendes Raumschiff… 


The Lake (Peter Land, 1999) 7,30 

Ein Jäger geht durch den Wald (begleitet von Vogelzwitschern und Beethoven). Dann kommt er an einen See, steigt ins Boot, setzt seine Flinte an – richtet sie auf das Boot und schießt. Dann setzt er sich seelenruhig hin und das Boot sinkt – bis nur noch der auf dem Wasser treibende Jägershut zu sehen ist. Danach der menschenleere Wald. Skurrile Dekonstruktion menschlicher Verhaltensmuster (oder so ähnlich) stand in der Museumsbeschreibung dieses köstlich ironischen Kurzfilms.. 


Murder Psalm (Stan Brakhage, 1980) 8,95 

Absolute Experimental-kunst-wahnsinns-magie von Stan Brakhage. In irrwitzigem Tempo eine Mischung aus den typischen bemalten Filmstreifen, bis zur Unkenntlichkeit (über-? unter-?)belichtetes Filmmaterial, das das Auge immer wieder fordert. Das Gehirn sowieso. Immer wieder ein Wissenschafter, der Regionen des Gehirns zeigt und dann geht das Bombardement der Wahrnehmungsfähigkeit wieder los. Inhaltlich geht es irgendwie um Mord, oder um Krieg; da etwas zu entschlüsseln, dürfte auch bei mehrmaligem Ansehen schwer sein. Doch faszinierend ist es enorm. Leider nur einen Tick zu lang – irgendwann kann das Gehirn nicht mehr folgen, die Aufmerksamkeit lässt nach. Um was ging es nun? Egal. 


Take the 5:10 to Dreamland (Bruce Conner, 1976) 8,30 

Vor ein paar Jahren schon mal gesehen, damals verzaubert gewesen. Eine Folge von traum-ähnlichen Bildern mit einigen wunderschönen Momenten, die beim Wiedersehen ein bisschen vom Zauber des ersten Mals verloren hat.


Report (Bruce Conner, 1967) 8,90 

Das Attentat auf Präsident Kennedy und seine Schockwirkung auf die amerikanische Seele. Conner interpretiert das, indem er den Live Audio Kommentar mit Archivbildern koppelt und – im besten Moment – die Bilder zu einem Stroboskopflimmern werden lässt, während der sich fast überschlagende Kommentator weiter berichtet. Die Leinwand bebt und wird zu einem lebendigen Bombardement der visuellen Wahrnehmung; man ist schon richtig benebelt, während man weiter dem Bericht lauscht…

Danach geht es mit nicht mehr ganz so heftigen Bild-Experimenten weiter, ganz am Ende gibt es Bilder aus Lebzeiten Kennedys, die an diesen beliebten Präsidenten erinnern, während die Tonspur weiter vom Attentat berichtet. 

Conners Film ist ein enorm spannendes, aufregendes Nachdenken über einen nationalen, kollektiven Schock und ein famoses Experiment der abweichenden und doch verwandten Ton- und Bildspuren. Und zudem auch ein Nachdenken darüber, wie man so ein unfassbares Jahrhundertereignis bebildern kann… 


Ten second film (Bruce Conner, 1965) 3,80 

Ein Countdown und ein paar Bilder, die jeweils eine zehntel Sekunde irgendwas zeigen (z.B. ein Auto). Man kann zwar erahnen, was Conner damit ausdrücken wollte (Grenzen der Kunst zeigen und vielleicht auch ironisieren), und irgendwie ist die Idee ganz nett, gleichzeitig aber so beliebig, dass sie trotz des deutlichen „Kunst“ Rufens eher nicht erwähnenswert ist. 


Cotillion (Joseph Cornell & Lawrence Jordan, 1968) 2,90 

Bildmaterial von Babys, die Grimassen schneiden oder irgendwas “lustiges” machen, teilweise angehalten, um einen folgenden Witz-Effekt zu ermöglichen. Also fast wie ein Avantgarde-Vorgänger der unsäglichen „Pleiten, Pech und Pannen Shows“. Danach dann plötzlich Zirkusaufnahmen. Dauert ca. eine viertel Stunde und erfüllt anscheinend irgendeinen (musealen) Kunstanspruch. Unglaublich unspannend. 


Perfect Film (Ken Jacobs, 1986) 8,10 

Malcolm X wurde erschossen, ein Augenzeuge spricht vor der Kamera. Dahinter Schaulustige. Während für die schwarze Community und ganz Amerika etwas Schreckliches passiert ist, sieht man u.a. wie die Leute in die Kamera grinsen, weil das "on camera" sein für sie (vermutlich) etwas Besonderes ist. (Ja, früher war das noch etwas Besonderes sein Gesicht in eine Kamera zu halten). Einer springt sogar immer wieder ganz hinten hoch um doch ja von der Kamera erfasst zu werden (ähnliches kennt man aus Fussball-Interviews nach einem Spiel). Während wir vorne den jungen Mann vom Attentat berichten hören, ganz sachlich. Diese Anfangsszene ist die beste von Jacobs Film. Danach gibt es andere Interviews und somit ein interessantes Zeitdokument zu sehen; wenig experimentell, eher sehr sachlich montiert. Irritierend an dem Film ist der Titel eigentlich schon. 

11. August 2012

Adam Simon, Thomas Alfredson, Milos Forman


Brain Dead (1990) 6,90 

Kurioser Hirnwichs äh -forschthriller mit B-Film Atmosphäre. Alleine Pullman und Paxton (als schmieriger Rivale) machen es schwer, den Film für voll zu nehmen. Doch das muß auch gar nicht sein; in typischer Paranoiamanier geht es wild dahin, mit "weird science"-Thematik. Der Film schlägt Haken und Wendungen am laufenden Band und gefällt mit einigen köstlichen Traumszenen. 


Låt den rätte komma in (2008) 8,44 
Ehemalige Kino-Wertung 9,30 

Diese "Abwertung" ist ein wenig mit Vorsicht zu genießen weil ich diesen schönen, damals im Kino heißgeliebten Film für die Einweihung des neuen LED Fernsehers gewählt und leider noch mit Unwissen über “Soap Effekt” und schlechte Einstellungen gesehen hatte, dennoch: beim zweiten Mal kann man schon auch spüren, dass die fantastische Magie der Erstsichtung den im Grunde genommen eher flachen Inhalt stark überstrahlte. Mega-Wertung nach dem Wiedersehen also nicht mehr ganz vertretbar, wunderschön ist die ruhige Kindervampirromanze aber immer noch.
 
  
Man on the moon (1999) 8,98 

Auch zum zweiten Mal gesehen, aber immer noch so wunderbar wie vor ein paar Jahren: Jim Carrey als Andy Kaufman kann kein soapiges LED Bild der Welt etwas anhaben. Auch wenn nüchtern betrachtet der Film nicht mehr als eine übliche, vielleicht sogar manchmal etwas (zu) oberflächliche Bio ist, hier ist der Inhalt die Bombe. Kaufmans exzentrische, subversive, verstörende, ungewohnte Art ist genial. Und berührend tragisch. Der Schluss geht leider sehr schnell - das alles hätte gerne noch eine Stunde länger dauern können.

2. August 2012

Tinker Tailor Soldier Spy (Thomas Alfredson) 7,55



Spionagefilme sind generell nicht mein Lieblingsgenre (daher kenne ich auch andere Verfilmungen des Stoffs nicht), doch Alfredson hat mich nach einiger Zeit „bekommen“. Seine Inszenierung (die eine formidable, detailversessene Ausstattung beinhaltet) ist genial, die vielen kleinen "Manöver" erzeugen in Summe Qualität. Leider zieht es sich gegen Ende dann schon, von einer Spannungsschraube, in einem Film dieses Genres an und für sich wohl nicht das Schlechteste, kann nicht die Rede sein. Doch die finale Montage zeigt stellvertretend die feine Qualität des ruhigen Dramas: begleitet von Tränen wird der Kollege in Zeitlupe erschossen, spätestens jetzt wird der Film ins Herz geschlossen. 

Es gibt einige schöne Szenen in den zwei Stunden: Die paar kurz aber gezielt eingesetzten drastischen (Fliegen im Hals, Därme in der Badewanne, Frau wird erschossen) sind toll, ebenso solche Szenen wie die Beobachtung des Seitensprung-Vögelns inklusive interruptus der Frau. 

Alfredson hat nach Let the right one in schon wieder etwas sehr Elegantes geschaffen - wie das auf anderen Ebenen zu verorten ist, gibt es z.B. bei Sieben Berge zu lesen. Für mich kein Film, über den ich viel nachdenken oder philosophieren möchte, denn es ist ja „nur eine Agentengeschichte“, aber dennoch ein insgesamt hochsympathisches, unterm Strich trotz Spannungsarmut gegen Ende  feines Werk.

19. Juli 2012

Kurzkommentare - 1. Halbjahr 2012


The Ballad of Genesis and Lady Jaye (Marie Losier) 5,75 

Ein Porträt zweier echter schräger Vögel, die sich durch mehrere OP's aneinander angleichen woll(t)en: wenn die totale Liebe zur Kunst umfunktioniert (=mißbraucht?) wird. Leider ist der Film im Gesamten nicht besonders abgründig oder faszinierend. Stilistisch wird sich Mühe zum Kreativen gegeben, aber irgendwie bleibt die Figur des P-Orridge auch zu befremdlich. Schon mal was komplett Eigenes, aber eigentlich auch ziemlich belanglos. 



Phoenix in der Asche (Jens Pfeifer) 8,09 

Einblicke in den harten Abstiegsalltag eines deutschen Basketballklubs: spannende Dokumentation eines Sportvereins, der eine ganze Saison um das Anschluss halten kämpft – ebenso wie sein Trainer (so etwas wie die leidende und eigenartig semi-charismatische Hauptfigur des Films) und Spieler… 



Over your cities grass will grow (Sophie Fiennes) 7,65 

Ausgedehnte Kamerafahrten in Zeitlupe plus Ligeti-Musik, das kommt immer gut. Dann auch noch die düstere Kunst des Anselm Kiefer, der in Südfrankreich an einem Mammutprojekt arbeitet. Der Film ist eine gelungene Mischung aus Kunst abbilden, einem längeren Interview (das wenig Greifbares vermittelt, was aber natürlich auch an Kiefers Naturell liegt, der halt auch in einer eigenen Welt lebt), und was vielleicht das Schönste ist, dem Zeigen von Entstehungsprozessen der Werke eines interessanten Künstlers. 



9 Leben (Maria Speth) 8,25 

Ein Film mit einem sehr klaren, strengen Konzept. In elegantem, glasklaren Schwarzweiß gefilmt, erzählen Menschen, die auf der Straße leben bzw. lebten, aus ihrem Alltag. Das sind sehr unterschiedliche Geschichten - bewegend, bestürzend, bitter, optimistisch und noch einiges mehr. Und vor allem ist es ein wunderbarer Ansatz, Menschen "vom Rand der Gesellschaft" so "viel" Zeit und Raum zu geben und sie einfach mal schildern lassen. Könnte durch diese unspektakularisierende Art zum Abbau bestimmter Vorurteile beitragen. Ein sehr schöner Film. 



Tyrannosaur (Paddy Considine) 7,75 

Hart, aggressiv, depressiv, allein, selbst den eigenen Hund hat er in der Mischung aus Alk und Wut erschlagen – dann trifft er eine Frau, eine gottgläubige. Macht sie ihn zu einem besseren Mensch? Was anfangs noch eher seicht und naiv anmutet, wird dennoch zu einem ernsten, heftigen Drama. Vor allem der von männlicher, sexualisierter Gewalt geprägte Hintergrund des „weiblichen Engels“ ist heftiger Stoff. 



The Pirates! Band of Misfits (Peter Lord) 7,10 

Das charmante Knetabenteuer mit einer Mischung aus kreativem, britischem und Nonsense-Humor ist sehr lustig. Relativieren kann man ein bisschen, dass außer einer vergnüglichen Gagparade (auch mit bereits bekannten Mitteln) wenig kommt, sodass es ein echtes Highlight wäre. Ist aber für den Moment des Sehens auch egal. 



Sita sings the blues (Nina Paley) 8,26 

Sehr kreative Trick-Film-Kollage! Eine tolle Idee, die wilde, ausufernde indische Mythologie mit einem Augenzwinkern und weiblichen Blick umzusetzen. Visuell ungewöhnlich, etwas gewöhnungsbedürftig, aber ein spezieller Augenschmaus, dazu stets für Überraschungen gut. Die vielen Lieder aus den 20er-Jahren werden in Summe schon etwas viel für das Gehör, doch unterm Strich ist dieses melancholische, verrückte Liebesepos sehr gelungen. 



L'apprenti (Samuel Collardey) 8,23 

Der Lehrling: Zärtliche naturalistische Poesie um einen pubertierenden Landwirtschaftsschüler. Das Leben am Bauernhof und der Alltag eines eher schüchternen Jungen, ganz ohne Firelfanz, ohne dramatische Wendungen oder Highlights umgesetzt, jedoch sind sie immer spürbar, die Dramen und Schönheiten des Lebens (Scheidungskind, unsichere Zukunft, die ersten Mädels und Trinkgelage…). Dazu bietet der Film beeindruckende, schöne „Tierszenen“. Ein unbeschwerter, überraschend poetischer Film (hantiger Bauer rezitiert Gedichte! Chansons!). 



L.A. Gangs des femmes (Stephanie Lamorre) 7,15 

Eher zufällig auf arte aufgeschnappt diese Doku. Der Name Stephanie Lamorre war mir von hier noch bekannt… Wieder taucht die Filmemacherin in ein eigenes Universum ein, in dem man in die Scheiße quasi hineingeboren wird. Die Mädchenbanden: viele Frauen werden uns kurz vorgestellt, dabei bekommt man erschütternde und traurige Innenansichten einer fast unvorstellbaren Parallelgesellschaft. Kritikwürdig am Film ist, dass man wenig über Hintergründe erfährt bzw. Ausstiegsszenarien quasi gar nicht behandelt werden. Die intensiven Nahaufnahmen bleiben halt auch bloß Fragmente... 



Another Earth (Mike Cahill) 7,44

Beginnt hypnotisch-faszinierend, erinnernd an Aronofsky zu Pi/Reqiuem-Zeiten. Brit Marling, die Co-Autorin trägt ihre Rolle mit subtil fesselndem Charisma. Inhaltlich hofft man auf mehr Herausforderung, letztlich ist es ein Schuld und Sühne Drama, das an Filme wie Red Road erinnert; das Ende ist dann noch subtil clever. Insgesamt betrachtet stellt man sich als Nicht-Kenner so Geschichten von Asimov vor. Leicht philosophisch, nett, aber letztlich nicht der ganz große Kick. 



Headshots (Lawrence Tooley) 7,75 

So Künstlerfilme können ganz schön prätentiös sein im unbedingten Willen zur Unkonventionalität. Doch hier wird die Grenze zur nur noch hohl-selbstzentrierten Eitelkeit erfreulicherweise nie überschritten; Loretta Pflaum hat viel Charisma - und der Film so einiges Substanzielles zu bieten: die atemberaubende Wohnungsszene in der Mitte, das Geständnis und anschließende Angebot beim Abendessen, die Punkte für ein schöneres Leben…etwas anstrengend vielleicht, aber sehenswert.

14. Juli 2012

Altman x2


Come back to the 5 and dime (1982) 6,85 

Robert Altman war ein großer, auch formal stets enorm aufregender Filmemacher. Gerne pilgert man für einen seiner Filme ins Filmmuseum. Und dann sitzt man plötzlich in einem “Theaterstück” mit nur einer Bühne, das bei aller Liebe zu Frauenfiguren, nicht viel mehr zu bieten scheint als hysterische Frauen in einer weichgezeichnet-staubigen 50's-Atmosphäre. O nein! Doch wenn man ein bisschen durchhält und sich einlässt, wird es noch sehr intensiv und gehaltvoll, man müsste nur das genuschelte Englisch besser verstehen. Wenn man rausgeht, hat man nicht Altmans beeindruckendste Kunst, aber Einiges zum Thema Lebenslügen, Verdrängung und Selbstzerfleischung gesehen. 

3 Women (1977) 8,95 

Das ist so einer dieser famosen 70er-Altmans (wie z.B. auch Images)/unterschwellig unheilvoll/diese grausigen Dämonenzeichnungen und diese Musik/junges unschuldiges Mädchen wandelt sich zum gefährlichen Biest/ein toller Psychofilm mit surrealen Überschlagungen/einer dieser so geliebten "Alptraum-Filme", deren beunruhigende Wirkung textlich kaum wiedergebbar ist.

12. Juli 2012

Hugo (Martin Scorsese) 8,37



Nach einem nicht mehr als netten Remake und einer flotten Romanverfilmung endlich wieder ganz großes Kino vom besten lebenden amerikanischen Regisseur. Scorsese gelingt höchst souverän und immer unterhaltsamer mit seiner leidenschaftlichen, fast spürbar kindlichen Hommage an George Méliès, den Pionier des fantastischen Films, Erstaunliches: nämlich mit perfekter Leichtfüßigkeit und oft atemberaubend dynamischer Inszenierung den Charme des ganz frühen, handgemachten Kinos mit der Technik des aktuellen "digitalen 3D-Zeitalters" zu verbinden. Ein sehr ambitioniertes Projekt (trotz kritisch betrachtet eher flachen Inhalts), das Scorsese herausragend gelöst hat, sein Film dürfte wohl auch zu den bisher besten der (eh nicht allzuvielen wirklich sinnvollen) 3D-Werke zählen.

Das wunderbare, herzliche Werk, das zum Großteil auch ein schöner "Zahnrad-Film" ist, braucht schon etwas Anlauf und ist in einem Punkt auch etwas mau: Der Pariser Bahnhof und die dortige "Amelie-" bzw. Franzosenklischees-Atmosphäre mit den schrulligen Nebenfiguren (trotz Sacha Baron Cohen, der aber durchaus amüsant wenn auch nicht genial agiert) sind etwas plump. Dies gerät aber immer mehr in den Hintergrund. Mehr Negatives kann man dann aber nicht mehr sagen, außer vielleicht noch, dass der Film in französischer Sprache noch schöner gewesen wäre. Alleine die Montage der Méliès-Szenen gegen Ende macht den Kinobesuch für Filmliebhaber zur Pflicht. Kann es überhaupt einen schöneren Film für Kinder geben, denen man den Zauber von mehr als 100 Jahren Kino vermitteln möchte? 

26. Juni 2012

Elève libre (Joachim Lafosse) 7,65



Das Psychodrama um einen Teenager und den Privatunterricht, dem ihm seine erwachsenen, "unanständigen" Freunde geben, ist rückblickend eigentlich simpel aufgebaut, ab einem bestimmten Zeitpunkt sogar vorhersehbar, aber vor allem ein beklemmendes Moralstück um die Manipulation eines Jugendlichen. Joachim Lafosse (Nue propriété/Privatbesitz) könnte in seiner klaren, durchdachten Inszenierung abgründiger bürgerlicher Geschichten so etwas wie ein Nachfolger Michael Hanekes werden…

23. Juni 2012

Arirang (Kim Ki-Duk) 6,32



Lars von Trier ließ seine Depression in seine aktuellen Filme einfließen, Kim Ki Duk stellt sich und seine Depression gleich selbst in den Mittelpunkt seines neuen Werks. Das ist ein zunächst mal faszinierendes Konzept, und beginnt auch schön einsiedlerisch und gleichzeitig künstlerisch-experimentell. 

Erst etwas später im radikalen Film beginnt der gebeutelte und offensichtlich Gefallen an der Selbstdarstellung findende Regisseur auch endlich zu sprechen, interviewt sich selbst, hinterfragt alles…das ist sehr selbstreflexiv, sehr selbst-, aber auch Industrie-kritisch. Doch, und das stellt Kim auch kokett selbst in den Raum, könnte das alles auch bloß gespielt und inszeniert sein – sozusagen der I’m still here dieses Jahres. 

Egal, ob etwas ironisch oder völlig ernst, diese One-Man-Selbstzerlegung bleibt faszinierend, läuft sich aber schlussendlich auch tot; Kims Geschwätze wird zunehmend ermüdend - und am Ende wird es dann endgültig auch ordentlich blöd, wenn Kim doch noch seine Einsiedler-Hütte verlässt um mit einem selbst erzeugten Revolver ein paar Leute (wird nicht erklärt oder gezeigt wen überhaupt) und sich dann auch selbst erschießt. Kurz darauf lebt er wieder und singt zum letzten Mal ohrenbetäubend und -schmerzenverursachend das titelgebende Lied vom Bergpass, vom Auf und Ab des Lebens. Dieser Gesang hat auch Ohrwurmqualitäten - ein intensiver Abschluß eines nicht durchgehend fesselnden, aber erstaunlichen Selbstporträts.