6. April 2012

Wie lange kann es dauern 5 Fragen zu beantworten?

..hat sich vielleicht Jochen schon gefragt. :)
Aber nicht alle Berufsschichten haben die ganze Osterwoche frei. ;p

Am Tage von Ben Hur und Jesus Christus endlich mal Zeit und Ruhe gehabt, und schon hat es auch Spaß gemacht sich mit den Fragen auseinanderzusetzen:

1. Nenne einen Film, den du großartig findest, der aber von einem Regisseur stammt, mit dessen Gesamtwerk du sonst wenig anfangen kannst. Erläutere, warum gerade dieser Film aus dem Œuvre des betreffenden Regisseurs heraussticht!

Aus dem WAS?
Ok, legen wir mal los:


Vielleicht gäbe es noch bessere, extremere Beispiele aber was mir gleich einfällt: Das Schweigen der Lämmer von Jonathan Demme. Der Film ist ja exorbitant (vor allem aus der nie mehr ganz veränderlichen Sicht des ca. 13/14 jährigen unbescholtenen Knirpses, der ihn damals sah und ziemlich geflasht und verstört war). Demme selbst interessiert mich als Filmemacher aber trotz dieses Meisterwerks wenig und ich kenne auch kaum was von ihm. Einzelne Filme sind sicher ok, aber die Genialität vom Schweigen entsprang nicht einzig und allein einer genialen Vision eines genialen Visionärs, sondern hatte natürlich auch mit vielen anderen Faktoren zu tun: einer guten Vorlage, dem genialen Casting, usw.

2. Erstelle eine Film Top 5 folgender Jahrzehnte und erkläre kurz, warum du diese Titel ausgewählt hast: 1940er / 1970er / 1990er

40er:
1. Germania anno zero – weil mich dieser Film von den wunderbaren Neorealismusfilmen, die ich aus der Zeit gesehen habe, damals am meisten beeindruckt hat

2. Meshes of the afternoon – Experimental-kunst-Traumfilm-himmel

3. Citizen Kane – tja..

4. Double Indemnity – weil mich dieser Film von all den großartigen Noirs aus dieser Zeit am meisten beeindruckt hat

5. Ladri di biciclette & Out of the past – nochmal 2 großartige Vetreter des Neorealismus und des Film Noir – das sind halt auch vermutlich DIE Gattungen der 40er ;)


70er:
Puh, da wird es schon sehr schwierig sich auf 5 Meisterwerke zu beschränken; alleine 12 Werke aus diesem mit außerordentlicher Filmkunst eh übervollen Jahrzehnt haben von mir irgendwann die Höchstnote 10 erhalten. Daher nenne ich die 5, die sonst bei dieser Frage nicht so inflationär genannt werden wie die restlichen (chronologisch geordnet):

Images – stellvertretend für die geniale Schaffensperiode von Robert Altman in den 70ern

Montana Sacra – Überbordender Wahnsinn auf Celluloid!

Eraserhead – traumhaft schönes Alptraum Kino

Okay, jetzt müssen es doch auch noch 2 Konsensklassiker sein:

Apocalypse Now – noch so ein Überbordungswahnsinn; dazu auch stellvertretend für die grandiose Energie des New Hollywood in diesem Jahrzehnt

The Texas Chainsaw Massacre – ich müsste ihn ja jetzt dann mal wieder anschauen, um es zu überprüfen: Die Essenz des Terror (und Horror-?)kinos.

90er:
Auch schwer, schließlich habe ich garantiert aus diesem Jahrzehnt die allermeisten Filme gesehen und das natürlich auch in der Zeit, in der mich Filme noch am meisten begeistern konnten. Was hat sich bis heute am eindrucksvollsten im Gedächtnis gehalten?

Chronologisch:
Schweigen der Lämmer – (natürlich auch hier nochmal) Angst. Krank. Mörderspannend. Verstörend.

Pulp Fiction – Vielleicht würde ich es heute kritischer sehen; damals: as cool as possible

American Beauty – Sarkasmus meets Poesie meets kritische Untertöne, alles in meisterhafter Umsetzung: ein formidables Jahrzehntwerk

The Sixth Sense – Twistgruselkino in atmosphärischer Perfektion

Magnolia – habe die Höchstnote noch kein zweites Mal überprüft, habe den Film auch kaum mehr in Erinnerung, aber mein Gefühl sagt mir, es war groß

Aus den 90ern gäbe es vermutlich 50 weitere Lieblingsfilme..hm.

3. Erstelle eine Film Flop 5 folgender Jahrzehnte und erkläre kurz, warum du diese Titel ausgewählt hast: 1950er / 1980er / 2000er.

Flop 5 der 50er, der ist gut. Auch in den 80ern tu ich mir schwer..da gibt es sicher ganz viel Übles, aber warum sollte ich es mir überhaupt ansehen? ;)

In den 2000ern fällt mir da wenigstens ein bisschen was ein:

Pearl Harbor – schmerzend dümmliche Hochglanzveräktschenisierung des Krieges (der dreiste Titanic-Konzept-Klau Versuch ist dagegen noch völlig egal).

New York Taxi – zwar nur ein bisschen was davon nebenbei mitbekommen, aber ich trau mich wetten: ein Lehrbuchbeispiel für ein unnötiges Remake, das jeglichen Charme des Originals völlig ausmerzt und stattdessen nur mies-nervige C-US-Komik auffährt. Eigentlich ultra-unglaublich.

Eden Lake – was hab ich mich über diesen Schwachsinn (eh schon hier, in den Anfangstagen des Blogs) geärgert

The heart is deceitful above all things – Asia Argento völlig entfesselt. Ein Overkill, der jegliches Gefühl für irgendwas und jeglichen Sinn von irgendwelchen filmischen Techniken einfach wegwalzt. Schmerzender Nonsense (mit vermutlich spannendem Potential).

Anstatt Nummer 5 noch ein paar (von vermutlich tausenden) bescheuerte Werke, die ich (teilweise oder ganz) gesehen habe: Blair Witch 2, Elementarteilchen (nicht soo schlecht, aber das Kontroverseste am Buch ist einfach nicht da), The Machine Girl (nicht alles was japanisch und abgedreht ist, ist gut), Plötzlich Prinzessin 2 (Hilfe, es muß von solchen Filmen noch Unmengen mehr geben), Sex and the City – der Film (warum konnten sie nicht einfach nach ein paar guten Staffeln aufhören?)

4. Von welchem Regisseur erwartest du in diesem noch jungen Jahrzehnt besonders viel? Von welchem Regisseur möchtest du in den kommenden Jahren nichts mehr sehen? Begründe!

Mir haben es in den letzten Jahren vor allem junge französische RegisseurInnen angetan: Rabah Ameur-Zaimeche, Mia Hansen-Love, Arnaud Desplechin und Maiwenn Le Besco. Die vier stehen für Filme, die meinem derzeitigen Verständnis von „modernem Kino“ am nächsten kommen: „Alles geht“, verspielt, gefühlvoll, komplex, vielschichtig, radikal, emotional, sperrig-politisch, nachdenklich, rührend, kunstreflexiv, lustig, traurig, ernst, usw. usf…
Kann gut sein, dass diese KünstlerInnen ihr großartiges Pulver schon früh verschossen haben, dennoch lechze ich am ehesten nach ihren nächsten Filmen. Dazu gibt es natürlich noch zig andere großartige FilmemacherInnen, wegen deren Werken ich unbedingt ins Kino muß…

Abschreiben tue ich niemanden, außer denen, die sowieso nicht mit Funken von Vision oder Inszenierungskraft gesegnet sind. Da gibt es natürlich auch viele, aber die interessieren mich eh nicht. ;)


5. Nimm Stellung zu Sinn und Unsinn derartiger Blog-Stöckchen!

Interviews sind ja immer super, und ich mag es dann ja auch ganz gern, solche Fragen zu beantworten, und auch Antworten von anderen zu lesen. Neue Fragen einfallen zu lassen geht aber im Moment gar nicht. Ich brauche jetzt ein paar entspannende Tage für Geist und Seele, und spontan fällt mir jetzt auch kaum was ein. Vielleicht kommt da ja noch was, ansonsten bin ich jetzt leider ein ähnlicher Spielverderber wie die Weirdler.

Kommentare:

  1. Da hast du dir ja viel Arbeit gemacht!

    Ich gebe zu: Eine Flopliste der 50er ist nicht ganz einfach. Das wäre mal eine Herausforderung.

    Ich gestehe ferner: Rabah Ameur-Zaimeche, Mia Hansen-Love, Arnaud Desplechin und Maiwenn Le Besco sagen mir überhaupt nichts. Wahrscheinlich lese ich deinen Blog nicht aufmerksam genug :)

    Jonathan Demme ist ja eine eher ungewöhnliche Wahl. Deine Begründung kann ich aber nachvollziehen, obwohl mich TSotL nie so "geflasht" hat. Fast zeitgleich erschien Misery, dessen direkter Horror mir viel näher ging als das Psycho-Gesäusel eines Mr Lecter. War der Film vielleicht der Auslöser für dein späteres Psychologiestudium? ;-)

    Die Weirdler und du, ihr seid keine Spielverderber - lediglich der ungenannte Dritte, dem ich das Stöckchen zuwarf, hat sich mit einer hanebüchenen Begründung entzogen.

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    1. Haha, also ich denke schon, dass meine Berufswahl andere Gründe hatte. :) Und Profiler wollte ich auch trotz Akte X nicht sein. ;)

      Ich glaube eh, dass vieles an dem Film schon auch leicht trashig ist, aber gut..

      "Misery" habe ich leider nie gesehen...der Film hat mich aber vom Setting her immer sehr fasziniert. Irgendwie ist es sich in all den Jahren nie ausgegangen, den mal zu sehen. Wurde der nicht auch von irgendwem inszeniert, der sonst nicht so tolle Filme macht?

      Ich gebe die Frage mit den 50ern gerne mal zurück: Hast du denn irgendwelche Flop-Filme aus der Zeit? :)


      Zu meinen "fantastischen 4": vielleicht liegt es nicht nur an dir, sondern daran, dass die meisten dieser Filme nicht auf dem Blog besprochen wurden, sondern dass ich die schon vorher gesehen hatte. Aber den hier:
      http://viecinephile.blogspot.com/2012/01/pardonnez-moi-maiwenn-le-besco-923.html
      wolltest du dir doch sogar mal ansehen??

      Halbwegs "mainstreamtauglich" von denen sind wohl Desplechin (zumindest Un conte de Noel" hatte auch eine ordentliche französische Starbesetzung - Deneuve, Amalric usw..) und Hansen-Love.

      Zaimeche fällt eher mehr in die Kategorie des herausfordernden, politischen, intelligenten Films und wurde leider außerhalb der Festivals bis jetzt eigentlich gar nicht wahrgenommen. Ich warte sehnlichst auf wenigstens englisch untertitelte Heimkinofassungen seiner Filme. Immerhin hat Lukas Foerster in der neuesten Cargo schon einen schönen Artikel über seine Filme verfasst - vielleicht bekommt er ja demnächst auch wenigstens ein Minimum an Aufmerksamkeit im englisch- oder deutschsprachigen Raum.

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  2. Frohe Ostern, Paule!

    Wurde der nicht auch von irgendwem inszeniert, der sonst nicht so tolle Filme macht?

    Haha. Vor wenigen Tagen hatten wir von der "Berliner Fraktion" eine Diskussion über Rob Reiners beste Filme. "Misery" und "Stand by Me" wurden hier als mögliche Kandidaten gehandelt.

    Die 50er Jahre-Flopliste muss ich auf unbestimmte Zeit auf Eis legen. Schreibe momentan an einem anderen Artikel für meinen Blog. Außerdem habe ich bereits fünf Fragen beantwortet :)

    "Verzeiht mir" steht definitiv auf meiner Liste. Ich habe den Film nicht vergessen!

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    1. Schön, dass du auch mal wieder dazu kommst, ein paar Artikel zu schreiben. :)

      Rob Reiner, genau; habe erst nach dem Kommentar hier nachgesehen und dann auch geschmunzelt. ;)

      Achja, ebenfalls frohe Ostern! Bei uns hat es über Nacht sogar geschneit. ;)

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  3. Die Franzosen haben in den 40ern auch ein paar sehr interessante Noirs gemacht, wie LE CORBEAU und QUAI DES ORFÈVRES von Clouzot, oder LES PORTES DE LA NUIT von Carné (der bei der Kritik wohl nicht so besonders ankam).

    Ach ja: Freut mich, dass da noch jemand Maya Deren mag (und überhaupt kennt).

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  4. Kennen und mögen sollte in diesem Fall untrennbar miteinander verbunden sein. :)

    Die anderen von dir angesprochenen kenne ich noch nicht, aber Clouzot und Carné stehen natürlich fix auf der unendlichen "liste de voir"(?).. ;)

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  5. Kennt jemand noch mehr von Maya Deren außer "Meshes"? Daran wär ich interessiert.

    TCM müsste ich mal zweitsichten, mir dünkt da Überschätzung. Jetzt ist ja, glaub ich, eine überarbeitete Neuauflage rausgekommen. Meine Sichtung basiert noch auf Astro haha.

    "und das natürlich auch in der Zeit, in der mich Filme noch am meisten begeistern konnten"
    Was bedeutet, dass Dich Filme nicht mehr sooo begeistern?

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  6. Ich kenne alles von Maya Deren, abgesehen von dem ethnologischen Material, das sie in Haiti gedreht hat, und das erst lange nach ihrem Tod ein richtiger Film wurde. Ihr Werk ist ja sehr überschaubar. Mit dieser DVD hat man schon alle 6 offiziellen Filme. Dazu noch IN THE MIRROR OF MAYA DEREN von Martina Kudláček (sehr empfehlenswert!) in der US-Ausgabe mit 2 inoffiziellen/unvollendeten Filmen als Bonus (in der österr. Ausgabe scheinen sie zu fehlen), und das war's dann.

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  7. Danke für den Hinweis, Manfred. Ich weiß eigentlich nicht wieso ich ihre anderen Filme noch nicht gesehen habe, kenne aber auch nur "Meshes"...und eben "In the mirror...".


    @ Dirt: Naja, natürlich begeistern mich Filme noch, aber wohl nicht mehr in der Intensität und Häufigkeit wie früher. Halte ich für einen "ganz natürlichen Prozess". Wenn man jung ist und das Medium Film "erforscht", sieht man soviel Unbekanntes (Kamera, Schnitt etc..), das einen umhaut..so ein Gefühl hat nach drei- bis viertausend Filmen halt nachgelassen. ;) Und grundsätzlich erlebt man als junger Mensch viele Dinge intensiver. :)

    Könnte jetzt noch ein wenig weiterphilosophieren, aber ich muß was für die Arbeit tun...früher war alles besser! ;)

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