31. März 2011

Shekarchi (Rafi Pitts) 5,50




Selten am Heimweg vom Kino so unentschlossen gewesen, ob dies nun ein recht guter, irgendwie interessanter, letztlich gescheiterter oder einfach nur blöder Film ist.

Die düstere, einfach erzählte, am Anfang noch quälend langsam gefilmte Geschichte um einen verschwiegenen, ernsthaften Mann, der aus dem Gefängnis kommt, da draußen nur einen Nachtschicht-Arbeitsplatz erhält und somit Frau und Tochter kaum sehen kann, fasziniert auf Dauer, bevor sozusagen mit dem zweiten Akt plötzlich eine schlimme Richtung eingeschlagen wird: der Film wird noch trister, der Jäger, sofern er nicht schon zuvor einer war, wird geboren.

Das letzte Drittel dieses höchst kuriosen Werks ist dann schließlich weniger nachdenkliches Drama, denn explizit konstruiertes, absurdes Theater, das völlig eigenartig endet: BAFF!

Was sollte das? Was, wenn überhaupt etwas, soll das alles bedeuten? Die Verortung im Iran mit der leisen Ahnung der bevorstehenden Revolution scheint für diese Fragen dabei fast unerheblich, eine mögliche Allegorie auf Polizeigewalt auch universal lesbar, jedoch kaum visionär. Ist "Zeit des Zorns", wie sein dämlicher deutscher Verleihtitel lautet, ein guter oder mieser Film? Jedenfalls ist es ein besonderer. Dass man ihn aber deshalb auch sehen, interpretieren und diskutieren müsste, bleibt fragwürdig.

29. März 2011

The King's Speech (Tom Hooper) 6,48




Ein (im Gegensatz zum überraschenden Oscargewinner der Vorjahres The Hurt Locker) fälschlich hochdekorierter Film. Sicher ist er fantastisch gespielt, auch Hoopers eigensinnige Weitwinkelregie funktioniert und fasziniert, die Dialoge sind phasenweise köstlich amüsant, der Film british gewitzt. Andererseits hat man schon lange keinen derart formelhaften und vorhersehbaren Film gesehen, und das zieht die restliche Unterhaltsamkeit insgesamt doch ordentlich runter.

Das enorme Pathos um die eher überschaubar tragische Tatsache eines stotternden Königs(anwärters) nervt zum Einstieg gewaltig - wie die Royals generell (löbliche filmische Ausnahme: The Queen); immerhin wird aber am Ende, wenn auch wieder in einer mühsam pathetischen Szene, ganz gut herausgearbeitet, warum so eine kraftvolle Rede unter den besonderen Umständen, in einer Zeit vor dem Multimediaoverkill, schon bedeutsam war.

Die Rede (bzw. Sprache) des Königs ist nicht mehr und nicht weniger als ein ganz netter, fein umgesetzter, nostalgischer, biederer Formelfilm, dessen Verlauf nach Schema F streckenweise einfach zu sehr ärgert, um ihn als richtig gut, sehr gut oder gar herausragend bezeichnen zu können. "Großes Kino" ist definitiv was anderes - und wird auch 2011, von Nicht-Adeligen für Nicht-Adelige und über Nicht-Adelige, noch zur Genüge gemacht, k-k-k-keine Sorge.

27. März 2011

Kynodontas (Giorgos Lanthimos) 7,80




Man merkt diesem Film von Beginn weg an, dass der Regisseur einen sehr genauen Plan hat und meisterlich sein Experiment entwickelt (bereits gezogene Vergleiche mit Haneke sind zumindest dahingehend nachvollziehbar). Es dauert, was absolut positiv ist, eine ganze Weile, bis man die Lage überblicken kann und das krasse Spiel der Eltern mit ihren großen Kindern erkennt.

Danach wähnt man sich zwar für einige Zeit in einem etwas vorhersehbaren Reißbrett-Werk, das aber im Detail stets faszinierend bleibt. Was diese Drama-Groteske schließlich so toll macht, ist wie der zu erwartende Ausbruch eines Kindes im Detail vor sich geht: Zum einen (natürlich) Sex bzw. die sexuelle Neugier, zum anderen dieses Element (=Prostituierte), das, kurioserweise von den Eltern eingesetzt, von außen in die abgeschottete Welt eindringt, als notwendiger Risikofaktor im gestörten Erziehungs-Spiel: durch Videokassetten der Filme Rocky und Jaws (was nur ganz subtil angedeutet ist) wird das Nesthäkchen aus der angelernten Zufriedenheits-Lethargie zum Leben erweckt, entdeckt sie den Reiz des Lebens, ihre Rebellion.

Nun kann man längst gehörig mitfiebern, obwohl man eh weiß: der Ausbruch wird gelingen (oder doch im schlimmeren Fall brutal niedergeschlagen werden?), die Katharsis so oder so erfolgen. Doch Lanthimos ist gemein: der Film endet weder so noch so, er lässt einen erschrocken und staunend zurück. Dogtooth, "Hundezahn", ist ein ungeheures, perfekt inszeniertes, eiskaltes, zynisch-satirisches Stück Film; ein Kommentar zu pathologischer Kontroll-Erziehung und entartetetem Heile Welt Spielen/Ernst. Ein Film, den man vielleicht, ähnlich wie dies auch bei Hanekes Werken von manchen eingeworfen wird, kühl und unangenehm kalkuliert nennen kann, doch wie sein Kollege hat auch Lanthimos, auch wenn er Hanekes Meisterschaft und dessen tiefe Verstörung nicht erreichen kann, Gespür und Vision für ganz spezielles, packendes Kino.

26. März 2011

Das Herz von Jenin (Marcus Vetter & Leon Geller) 7,85




Ein palästinensisches Kind mit einem Spielzeuggewehr wird in einem Flüchtlingslager von einem israelischen Soldaten erschossen - die Organe des hirntoten Buben lässt der Vater pikanterweise an isrealische Kinder spenden. Der Dokumentarfilm beschäftigt sich mit den Nachwirkungen dieses ungewöhnlichen Vorfalls, der in den zermürbenden Krieg geradezu "Versöhnung" und "Menschlichkeit" hinein schreit; er zeigt einen vermutlich noch stark traumatisierten, aber aktiv handelnden Mann, der das schreckliche Schicksal seines Sohnes zu Wohltaten genützt hat.

Einige deutsche Kritiker bemängelten, dass sich der Film etwas einseitig auf seine Fersen hefte und manches, wie etwa die strenggläubig jüdische Familie, an deren Tochter auch ein Organ gespendet wurde, etwas oberflächlich darstelle - doch darin besteht ja eigentlich kein Problem: die Dokumentarfilmer liefern mit diesem Werk eine ohnehin schon sehr komplexe und vielschichtige Bestandsaufnahme eines noch viel viel komplexeren Ganzen ab, dem ein Film allein niemals gerecht werden könnte. Das Herz von Jenin ist das durchaus ambivalente Porträt eines Mannes und das Nachspüren einer sehr besonderen Geschichte und der darin involvierten Leute; er ist vor allem die spannende Innenansicht von Menschen, die versuchen, so normal wie möglich in diesem irrsinnigen Nahost-Konflikt zu leben.

24. März 2011

Attenberg (Athina Rachel Tsangari) 6,34




Mit dem guten Ruf, der ihm vorauseilt, kann dieses mit schrägen Einlagen versehene Küstenkleinstadt-Drama nach gelungenem Beginn schlußendlich nicht ganz mithalten: Tsangari, die als Performancekünstlerin aus einem anderen Milieu kommt (was grundsätzlich sehr reizvoll ist), entwickelt ganz eigene Skurrilitäten, doch der dominierende Ton- und Bildfall fällt in die Kategorie "trostloses Außenseiterleben" (gerade in den Sexszenen herrscht alles andere als Freude!). Also ein typisches Schema, das allen Arthausfans aus verschiedensten Werken der letzten 20 Jahre schon allzu bekannt ist. Und leider versumpft der sympathische Film mit der Zeit doch ein wenig.

Erfrischend sind vor allem vereinzelte Merkmale: Der ganz eigene Humor von Vater und Tochter etwa, der auch die einzige Möglichkeit darstellt, den nahenden Tod des Vaters auszuhalten (wenn auch dieser sein baldiges Ableben geradezu gelassen hinzunehmen scheint, was wiederum ein Beispiel für einen dieser weniger überzeugenden Aspekte des Films ist).

Menschen verhalten sich überhaupt eher wie dahinvegetierende Tiere in Attenberg; warum der Film denn so heißt, ist übrigens auch wieder so ein Moment des kreativen Witzes. Doch insgesamt wirkt das Konzept ein wenig unausgegoren, der kecke Stil der Regisseurin hätte noch etwas weiter ausgeschliffen werden können, stattdessen nimmt mehr und mehr die unscharfe Tristesse den Platz des frisch-frechen Filmemachens ein. So hat man gegen Ende das Gefühl, etwas sehr Persönliches zu sehen, doch auch ein wenig Belanglosigkeit bleibt nach diesen Ein-einhalb Stunden: Traurigkeit auf der Leinwand kann manchmal auch einfach nur leblos sein.

22. März 2011

Special Interlude: ALIEN

(Ridley Scott, 1979)

Heute geht es, in aller viecinephilesken Knappheit, um einen schon zigfach großartig analysierten und besprochenen Über-Klassiker; einen Film, der bei jungen Knirpsen (wie auch der Autor des Blogs einmal einer war) durch seinen Status und durch Fotos oder Besprechungen schon vor dem Ansehen gigantische Vorstellungen und Erwartungen weckte. Dann, als man ihn endlich sehen durfte oder konnte, knallte es natürlich gewaltig in Augen, Hirn und Seele.

Danach war trotz des Kaufs von VHS und DVD fast 15 Jahre Pause; kaum eine Stimmung, kaum eine Umgebung mit bescheidener TV-Ausstattung konnte einem neuerlichen Ansehen gerecht werden, sodass es gar nicht dazu kam. Und dann war sie endlich da, eine angemessene Möglichkeit den ultimativen Weltraum-Horror doch wieder zu sehen: auf der Kino-Leinwand des Filmmuseums. Eine unermesslich große Erwartungshaltung entstand daher schon Wochen vorher, einhergehend mit der Hoffnung auf eine weitere, auch die erfahrenen erwachsenen Sinne begeisternde All-Erleuchtung wie bei Space Odyssey oder mit Abstrichen bei dem besten Sci-Fi-Film jüngeren Datums, Sunshine.

Überraschend gerät vor allem die kuriose Erkenntnis, dass man manche Details (etwa den sensationellen Abstieg zu den Eiern) als unerfahrener Jugendlicher völlig anders, und zwar deutlich cooler als sie im Film eigentlich sind, im Gedächtnis abgespeichert hatte, worunter der Film selbst beim Wiedersehen fast ein wenig leidet, weil die „überspeicherten“ Emotionen natürlich trügerisch sind und das neuerliche Erleben nicht ganz mit diesen superben fake-memories mithalten kann.

Andererseits bleibt es auch so absolut fantastisch, was Scott auf die Beine gestellt hat: Epochale Kino-Momente wie der Durchbruch des Jungmonstrums; ein beeindruckend gleichberechtigtes Ensemble von feinen, erwachsenen Schauspielern bzw. Charakteren; das Flitzen durch die von irre blinkenden Lichtern überzogenen Gänge. Ein subjektiv fast schon vergessenes „Highlight“ des Films ist die Aufdeckung von Ashs wahrer Identität: was für ein trashiger, kurioser, hemmungsloser, komischer Moment. Lieutenant Ripley, die als toughe weibliche bewaffnete Heldin wie eine Vorgängerin von Rambo anmutet. Ein "Ende", das noch keines ist (keine Ahnung, ob das damals innovativ war, jedenfalls fand dies danach Einzug in jeden zweiten Horrorfilm).

Aus heutiger Sicht wirkt die milde klasssische Filmmusik eher unpassend zum alptraumhaften (Giger-)Düster-Szenario, zudem hätte Scott die Abgänge der Charaktere vielleicht noch wesentlich intensiver inszenieren können. Andererseits stellt ja gerade das wenig sensationalistische dieser Szenen eine Qualität dar. Der Film bezieht seine Ausnahmestellung natürlich durch dieses geniale Setting; ein Schiff im All und darin ein die Besatzung bedrohendes, unheimliches und unzerstörbares Monster (wenn auch die ultrarasante Entwicklung, die Intelligenz des Aliens ja eigentlich total unglaubhaft ist, genauso wie sonst noch einiges). Man könnte ALIEN also durchaus für einiges belächeln, man kann und darf ihn nüchtern betrachten und nicht so herausragend finden; und obwohl sich beim Wiedersehen gar nicht so ein überwältigendes Gefühl eingestellt hat und obwohl Ridley Scott trotz inszenatorischer Brillanz viele vermutete Qualitäten und Trümpfe gar nicht so ausgespielt hat, wie sie im Idealfall vielleicht noch gewaltiger hätten sein können, ist ALIEN ein Werk, das in der Geschichte des Kinos eine wohlverdiente und legendäre Ausnahmestellung hat und in meinem Herzen diese Ausnahmestellung auch nach einem minimal desillusionierenden Wiedersehen nicht aufgeben muß.

9,55

20. März 2011

IL - Marins, W. Jacobs, Bechis


O Despertar da Besta/Das Erwachen der Bestie (1970) 8,47


Ein vollkommen enthemmter, entfesselter Film, der auf einer Metaebene (während Experten in einer Radiosendung diskutieren, gibt es zwischendurch gespielte Episoden) die „Gefahren“ von Sex und Drogen abhandelt, wobei Marins in den einzelnen Szenen richtig Gas gibt und irgendwo zwischen billigem Erotiktrash und wahnwitziger Filmkunst pendelt. Der Anfang und das psychedelische Ende sind überragend, dazwischen hält sich die Aufregung bald in Grenzen: die Abläufe von Männern, die Frauen nachsteigen, sind eher redundant; bei der Bewertung des Films muß man als Marins-Neuling wohl auch bedenken, dass die beiden Filme davor, die ihn als Enfant Terrible so berühmt gemacht haben (im "Erwachen der Bestie" wird darauf auch direkt eingegangen!) und in denen er schon ähnlich Irrwitziges abgeliefert hat, womöglich noch ein bisschen besser sind.



Im weißen Rössl (1960) 4,20

Im Salzkammergut, da kamma gut lustig sein!

Nur schade, dass der kleine Pseudo-Klassiker des österreichischen Heile Welt-Kinos der 50er und 60er Jahre gar nicht so lustig ist, wie es einem der kürzlich verstorbene „Entertainer der Nation“ Peter Alexander weis machen will. Er kaspert, blödelt und charmiert sich durch dieses altbackene Musical, nur entsteht dabei kaum Sympathie oder echte Begeisterung für den verträumten Chefkellner, der die Pensionsbesitzerin erobern möchte. Manche Szenen sind höchstens aufgrund ihrer Naivität ganz witzig, ansonsten dominiert aber eher eine Un-kunst im Lustig sein. Alexander findet keine Linie, oder er will die gesamte Bandbreite des Humors unterbringen, was aber in Summe nie gelingt. Auch wenn dieser Film tatsächlich eine Generation von Senioren (und wenn nur solche im Geiste!) geprägt und begeistert hat und jeder den abschließenden Titelsong kennt: die Operettenverfilmung (eine von 5 Versionen des Stoffs!) ist alles andere als gelungen und nichtmal durch die ominöse Trashbrille so lustig, dass man sich den ganzen 50er Jahre Bieder-Doofsinn heute noch gern antun würde. Kann sein, dass andere Alexander Filme lustiger sind/waren, auf diesen Blog werden sich die aber eher weniger verirren (und Gunther Philipp und Theo Lingen sind ja schließlich auch schon tot).



Garage Olimpico (1999) 7,60

Authentischer Film über Folterungen während der Militärdiktatur in Argentinien in den 70ern. Bechis, der diese Qualen in seiner Jugend als Polit-Aktivist selbst über sich ergehen lassen musste, zeigt minutiös die perfide Macht und Gewalt in einer südamerikanischen Militärdiktatur; etwas, das man als Filmfreund z.B. schon aus Oliver Stone Filmen (und anderen) kannte: unmenschliche Folterungen eines übermächtig perversen Staats-Apparates, gegen den man keine Chance hat. Die grausigen Andeutungen dieser realitischen Folterungen lassen übrigens „Schocker“ wie Hostel sowieso total harmlos aussehen (nur so nebenbei, assoziativ bemerkt). G.O. ist durchaus manchmal zäh und langwierig, und auch wenn Filme nichts ändern können (aber sicher etwas bewegen, etwas bewirken), und Junta (dt. Titel) letztlich vor allem eine schwierige, natürlich alles andere als begeisternde Rückschau auf ein vergangenes Grauen ist: gut dass es solche Werke gibt.