20. Januar 2012

La Consultation (Hélène de Crécy) 8,17




Die Sprechstunde
: Ein praktischer Arzt als Anlaufstelle für alle möglichen Probleme. In jeweils ein paar Minuten langen Ausschnitten aus Gesprächen und Untersuchungen gibt es Einblicke in medizinische und menschliche Geschichten. Besonders interessant ist es, die psychologischen Kompetenzen dieses seriös-verschmitzten Mediziners beobachten, der mit Sinn für Humor, Menschlichkeit und präzis analysierend seine Patienten behandelt.

In einer Gesellschaft, in der Druck aber auch Forderungen der Patienten nach einfachen, medikamentösen Lösungen von komplizierten Erkrankungen oder systemischen Problematiken keine Seltenheit sind, kann ein guter Arzt mit viel Erfahrung und Leidenschaft hier wichtige Arbeit leisten - auch davon berichtet dieser heitere bis ergreifende Dokumentarfilm.

19. Januar 2012

Le Havre (Aki Kaurismäki) 7,85




Kaurismäkis relaxt-sympathisch-humanistische Sozialdramödie um einen afrikanischen Flüchtlingsjungen auf der „Durchreise“ und einen entspannten alten Schuhputzer, der ihm hilft, bringt den erwartet rundum netten Kinoabend, und ist auch nach dem zuletzt schon etwas schnarchigen „Lichter der Vorstadt“ erfreulich frisch geraten. Mehr als ein nettes "Märchen" ist es aber trotz einer wunderbaren Grundhaltung zur Abschiebungspolitik auch wieder nicht.

18. Januar 2012

Cave of forgotten dreams (Werner Herzog) 6,46




Was enorm aufregend und teilweise atemberaubend schön beginnt, erreicht leider nie die Nähe der außergewöhnlichen Qualität von Herzogs Encounters at the end of the world, sondern verflacht doch etwas. Vor allem ist der Film nur an wenigen Stellen „herzogesk“ schräg oder clever gewitzt: ein bisschen zu brav vielleicht. Letztlich ist aus einer Dokumentation über Höhlenmalereien halt auch nicht viel mehr herauszuholen; klar spricht Herzog auch über Parallelen zum Kino und Ursprünge von Kunst und streckenweise ist sein Film auch faszinierend und interessant, aber über 90 Minuten ähnelt das einer Führung: irgendwann möchte man sich am liebsten von der Gruppe abseilen und vielleicht selbst etwas entdecken oder in anderem Tempo weiter gehen…

Grenzgenial ist dafür das überraschende Kernkraft-Postscriptum - wieder mal mit Alligatoren.

12. Januar 2012

Mr. Nobody (Jaco van Dormael) 7,35




Die geschmeidige, phantasievolle Inszenierung dieses Films ist meisterlich. Inhaltlich scheint es in den ersten Minuten auf einen gigantischen "Mindfuck", auf ganz großes Kino hinauszulaufen. Nach einiger Zeit wähnt man sich „nur“ noch in einem filmischen Entwicklungsroman, durchgehend so traumhaft schön inszeniert, dass man die 150 Minuten Laufzeit so intensiv wie möglich genießen will.

Ein Mann zwischen drei Frauen, das Kind zwischen den Eltern: auf welche Schiene des Lebens begibt man sich? Diese leicht philosophischen Elemente werden immer wieder durchsetzt von einer satirischen futuristischen Rahmenhandlung.

In der Endabrechnung ist van Dormaels Poesie leider nicht ganz so großartig, wie man es lange Zeit spüren konnte. Die „Auflösung“ ist so banal wie nur möglich, doch das ändert ja nicht viel an dem, was vorher so angenehm war. Vielleicht können vielmehr Länge und „Schönheit“ des Films irgendwann nicht mehr über eine gewisse Absenz von echtem Tiefgang hinweg täuschen. Vielleicht ist die Essenz des Films, die uns nach zweieinhalb schwer greifbaren Stunden letztlich vermittelt wird, am Ende das ganze Brimborium gar nicht wert (wenn man etwas kritischer hinblickt), dennoch war es irgendwie sehr schön sich dem hinzugeben -

(bei all dem drängt sich schon wieder ein Filmvergleich auf, und zwar einer mit dem ebenfalls ganz famos inszenierten, aber dennoch, vielleicht auch aufgrund gewisser Redundanzen und leichten Banalitäten, nicht völlig begeisternden The Tree of Life!).

11. Januar 2012

1 journée (Jacob Berger) 8,64




Ein wunderbarer (sorry:) „kleiner“ Film, dessen Regisseur es leichtfüßig vereinen kann, unheimlich nah an menschlichen Problemen zu sein, eine künstlerisch ansprechende Bildsprache und Umsetzung zu finden und dabei (trotz manchmal arger Symbolik) keine Sekunde abgehoben zu wirken.

Es geht um einen Mann am Abgrund (der so oft großartige Bruno Todeschini), zwischen Lebensüberdruss und Ehebruch, um seine Frau mit Zwangsstörung, und ihr gemeinsames, aufgewecktes Kind. Der faszinierend zwischen düsteren, semidrastischen und zärtlichen Szenen oszillierende Seelentrip wird quasi in drei Kapiteln erzählt, die sich ineinander verschlingen. Was dabei genau passiert und wie es Berger gelingt, all seine Elemente geschmeidig zu einem berührenden Stück über das Verlieren und das Wieder(zueinander)finden, über Trauer, Wut, Angst und ihre positiven Gegenkräfte zu verbinden, soll hier nicht zu sehr in Textform erläutert werden: diesen (kaum bekannten) Film muß man spüren, muß sich ihm (wie immer am besten ohne Vorinformationen) ergeben und von seiner ganz eigenen, zärtlich-herben Art verführen und berühren lassen.

10. Januar 2012

Kokuhaku (Tetsuya Nakashima) 4,30




Ein sehr spezielles, irgendwo zwischen provokanter Künstlichkeit und versuchter/allzu gewollter „Kunst“, zwischen düsterem Ernst und fast kindlichem Humor pendelndes, nunja: Rachedrama. Irgendwie ist es noch faszinierend, dass man sich für den erzählten(!) Prolog eine gute halbe Stunde(!) Zeit nimmt, zugleich aber auch da schon etwas nervtötend.

Die Welt, die Figuren; in Geständnisse ist alles betont düster, doch – und das könnte der Hauptgrund für das Scheitern des Films sein – es mag sich, auch weil die Beweggründe und Handlungen und Figuren in dieser Welt sehr künstlich wirken, kaum echte Beklemmung einstellen. Die ewiggleiche Inszenierung mit per se ja ziemlich lässiger Musikuntermalung kann man vielleicht noch als künstlerisch gelungen, aber noch mehr als zäh und eintönig betrachten.

Inhaltlich ist der Film sowieso unbestreitbar krude und zwar richtig. All diese extremen Seelenschmerzen, all die Bitterkeit können auch darum (und auch wegen der künstlichen Form) nicht durchdringen, können gar nicht reinstoßen ins Herz, das Megapathos kann die Oberflächlichkeit nicht verbergen. Ein seltsames Ding, das in seinem genuinen Versuch, eine grimmige Geschichte kompliziert zu erzählen und dabei audiovisuell „formvollendet“ zu inszenieren, völlig implodiert – so gesehen wohl ein „perfekter“ Nachfolger zum seinerzeit ebenso schräg überladenen (und ebenso von anderen gemochten) „Sympathy for Lady Vengeance“.

5. Januar 2012

Melancholia (Lars von Trier) 6,69




Die Studie einer Depression kombiniert mit einem sehr intimen Weltuntergang: das ist schon sehr reizvoll…was wird im Detail draus?


Der opulente Vorspann erinnert an Kubricks Überwerk 2001 und interessanterweise an den zeitgleich gelaufenen Tree of Life; danach sind wir stilistisch schon wieder beim „Dogma“, wobei von Trier mit der „Limousine in der engen Kurve“-Szene gleich sehr humorvoll den bevorstehenden Weltuntergang kontert.

Anschließend erleben wir eine kleine menschliche Katastrophe im Zeitlupentempo. Das ist rückblickend faszinierend (und die Studie von Justine hat gar nicht allzuviel mit einer Variation von Festen zu tun, wie man an mancher Stelle liest), doch - und das gilt für den gesamten Film - von Trier war in fast allen seinen vorherigen Arbeiten schon viel packender…hier wirkt alles fast wie durch einen Wattebausch schaumgebremst. Mag Absicht sein, aber Melancholia ist dadurch auch die meiste Zeit einen Tick zu wenig einnehmend für einen wirklich großartigen Film.

In Verbindung mit dem drohenden Ende der Erde ist dieser Stil natürlich schon wieder grenzgenial, dennoch will sich in den mehr als 2 Stunden keine große Begeisterung einstellen. Vielleicht schadet auch das gefühlte ständige Augenzwinkern den für sich gelungen gezeigten menschlichen Tragödien. Dennoch Respekt dafür, dass von Trier gelassen und genau filmt, ohne allzu sehr auf Verstörung oder ähnliches aus zu sein (Katze in den Schwanz: das ist aber auch immer seine große Stärke gewesen).

Gegen Ende ist die Stimmung dann phänomenal und höchst beunruhigend, der Schlussabschnitt ist wahrlich groß. Die letzten Minuten sind von einer unglaublichen Intensität, die zum Kehraus den vielleicht größten kalten Schauer bietet, den man im Kino seit langem erleben konnte. Ja, im Nachhinein ist Melancholia ein sehr respektabler Film, ein außergewöhnlicher Entwurf. Aber man darf und muss es in dem Fall auch mal aussprechen: der große Feind sind hier die Längen und eine gewisse Belanglosigkeit einer vielleicht sogar künstlerisch geistvollen, zugleich jedoch auch recht sinnentleerten Apokalypsen-Konstellation.