28. Januar 2011

The Ghost Writer (Roman Polanski) 5,49




Ein ausgezeichneter und von vielen Kritikern und Fans als ausgezeichnet empfundener Film vom teil-inhaftierten Altmeister. Doch das Ansehen dieses entspannten Werks verläuft ziemlich ernüchternd: Es ist vor allem gepflegte, routinierte Polit-Thriller-Langeweile, ein Film wie eine gemütliche Radtour. Aufgrund der Parallelen zu Polanskis Verhaftung und Verleumdung hat die Story um einen umstrittenen und leicht geheimnisumwitterten Prime Minister eigentlich Brisanz-Potential, dieses wird aber kaum ausgenutzt. Größter Pluspunkt des Films ist (neben dem genial beiläufigen Abgang Brosnans) der trockene Humor in den Dialogen. Dafür allerdings ist der „Thrill“ so subtil, dass die drohende Gefahr kaum Beklemmung hervorruft. Der Film fühlt sich an als stamme er aus den 50ern: das mag einigen gefallen, man kann das aber 2010 auch als ein wenig lahmarschig bezeichnen. Polanski war oft eben auch ein Meister der Intensität, ein Setzer von Meilensteinen. Doch gegenüber Klassikern wie Repulsion oder Rosemary’s Baby bzw. Beklemmungs-Großtaten wie Death and the Maiden oder The Pianist wirkt The Ghost Writer doch eher wie ein Nachmittagskrimi für ältere Semester, die es gerne nicht allzu nerven-belastend haben.

Am Ende gibt es noch das ein oder andere Unerwartete, zwei witzig inszenierte Szenen und ein ironisches Schlussbild. Nach dem Abspann bleibt aber nur entweder die sehr genügsame Zufriedenheit, entspannte 2 Stunden ohne viel Nachwirkung ganz nett unterhalten worden zu sein, oder aber doch der Gedanke daran, für was sich Polanski denn nun soviel Zeit genommen hat und warum sein Film denn überhaupt so positiv besprochen wird. Roman Polanski stand lange für gewagtes, intensives, nachhallendes, großartiges Kino. Für das sind mittlerweile längst (meist jüngere) Kollegen verantwortlich, The Ghost Writer ist davon aber leider nichts.

Kommentare:

  1. Es freut mich, dass du den unterschätzten "Death and the Maiden" zu Polanskis grossen Filmen zählst. Ich wählte ihn nämlich auch mal aus, als mich fincher ("Blockbuster Entertainment") erpresserisch zu einem Polanski aufforderte. ;) - Der Regisseur HAT bedeutende Filme gedreht; einige seiner gepriesenen Arbeiten ("Frantic" etc.) sind jedoch Mittelmass. - Ich nehme deine eher ernüchternde Kritik von "The Ghost Writer" mal mit zur Sichtung, die ich als mitschuldiger Schweizer - der arme Mann in Fussfesseln! - früher oder später wohl hinter mich bringen muss.

    AntwortenLöschen
  2. Nicht grummeln, Chili. :) Ich würde mich über einen Text zum Film von dir sehr freuen, da du den ja glaub ich sogar "herausragend" fandest. Ich kann mir schon gut vorstellen, dass man den Film ganz gut findet, nur die ganz überragenden Qualitäten kann ich halt gar nicht nachvollziehen.

    Und ja, bei Polanski lege ich vielleicht auch die Erwartungslatte höher an. Schön, whoknows, dass du "Death and the maiden" (habe das überflüssige erste THE wieder gestrichen) auch toll findest. Habe ihn nur einmal vor langer Zeit gesehen, aber ich bin jetzt noch fertig, wenn ich daran zurückdenke. :)

    Jetzt hast du also beim Ghost Writer gleich so eine "Vorprägung". Aber außer mir findet denn eh jeder toll, also nimm es nicht so tragisch. ;)

    AntwortenLöschen
  3. Polanskis nächster Film wird übrigens "Der Gott des Gemetzels" heißen. ;D

    Klingt doch schon wieder nach etwas "Intensiverem". ;)

    AntwortenLöschen
  4. Es handelt sich beim neuen Film - was ich voller (fuss)gefesselter Inbrunst betonen möchte - erst noch um die Adaption eines Theaterstücks, das seine Uraufführung im Schauspielhaus Zürich hatte. Hat der Regisseur der Schweiz vergeben - oder kommts zum Gemetzel?

    AntwortenLöschen
  5. Ich fand ihn in einem aus meiner Sicht mainstreamtechnisch sehr schwachen Kinojahr einfach unglaublich erholsam. Keine extremen Farbgradingspielereien, keine Nonsens-Dialoge, kein unnötiger Schnickschnack. Rechne ihm also alles an, was du ihm vorwirfst. :)
    Ich habe es exakt so wie Kenzie empfunden, dass man auch in vermeintlichen Leerlauf-Passagen stets Polanskis Rafinesse gespürt hat, die innere Spannung über die Inszenierung aufrecht zu erhalten. Jemanden in einem Büro einfach einen Aktenstapel durchwühlen zu lassen, während draußen der Herbstwind in den Dünen braust, und die Ahnung von hier-stimmt-was-nicht zu erzeugen...

    Das klingt jetzt hilfloser, als es gemeint ist: Die Klasse des Films liegt im kaum Greifbaren. Er benötigt kein intensives Drama. Ich kam extrem begeistert aus dem Kino, kann den Grund dafür immer noch nicht in Worte fassen und damit das Filmerlebnis nicht in Text überführen. Das mag man als Bankrotterklärung ansehen, für mich spricht es eben für die Klasse der Inszenierung.

    AntwortenLöschen
  6. Liegt die Klasse der in der Tat "kaum greifbaren" Stimmungen tatsächlich in ihnen selbst oder in den Erinnerungen, die sie an vergleichbare Stimmungsevokationen in Polanskis Werk auslösen? Ich bin mir bei diesem Film nicht so ganz sicher. Es ist etwas zu spüren zwischen, hinter und in den ausgestellten Dingen, aber ob das Polanki auch in zureichendem Maße in die Erscheinungswelt des Films gezogen hat, bleibt diskutabel, zumindestens verschiedenartig interpretierbar.

    AntwortenLöschen
  7. Sehr gut möglich, aber da ich derzeit nur auf Basis des wohligen Gefühls eines fast ein Jahr zurückliegenden Kinobesuchs rekapituliere, müsste ich den Film natürlich erst noch einmal sehen, um diesbezüglich Stellung nehmen zu können.

    AntwortenLöschen
  8. Die Überlegungen von Sieben Berge finde ich ziemlich gut.

    Verstehe nicht ganz, Chili, dass ich dem Film vorwerfen soll, dass er keine extremen Spielereien, Nonsens oder Schnickschnack biete. ;)
    Ich bewege mich ja eh meist außerhalb des Mainstreams und da seh ich jahrein jahraus genügend Filme, die nicht mit sowas vollgepfropft sind. ;)

    Ich werfe Ghost Writer auch gar nix bestimmtes vor, ich habe nur vermisst, dass mich der Film fesselt oder wenigstens überzeugt. Die Absenz von greif- oder deutlich spürbarem(!!) Gelungenen überwog bei mir diese angenehmen Leerlauf-Windweh-Stimmungen, die für mich eben keine Extra-Qualität darstellen. Vielleicht hätte ich den Film auch etwas milder benotet, wenn ich nicht so einen extremen Sehverschleiß hätte wie derzeit (komme mit dem Schreiben grad, auch wegen Streß in der Arbeit, überhaupt nicht mehr nach)...aber dann wäre er ja niemals zu dem Reizthema geworden, das er durch meine Einschätzung da und dort geworden ist. ;p

    Aber nochmal: "Schlecht" fand ich ihn ja auch bei weitem nicht.

    AntwortenLöschen