26. Januar 2011

Precious (Lee Daniels) 8,71

Bei einem Film, der bereits durch den Titelzusatz Based on the novel "Push" by Sapphire lautstark auf die Romanvorlage verweist, jene nicht zu kennen, ist sehr schade und limitiert naturgemäß auch die Auseinandersetzung mit Schwächen und Stärken der filmischen Umsetzung. So muß sich der folgende Text also rein auf die Filmversion beziehen. Und diese ist vor allem: wuchtig, eigensinnig inszeniert, mutig bis frech in ihren Abhandlungen schlimmster menschlicher Abgründe, unvergesslich, außergewöhnlich.

Natürlich werden bei der Geschichte einer schwer übergewichtigen, von den Eltern aufs Schlimmste misshandelten und daraus resultierend auch intellektuell unterdurchschnittlichen, anstatt lebenden und lebendigen nur noch dahin vegetierenden Teenagerin, die durch eine äußerst liebevolle Lehrerin und eine freundliche Sonderschulklasse langsam zum Leben erwacht und zu einer Persönlichkeit heranreift, auch Assoziationen wie leicht kitschig, "zu arges bzw. fast schon unglaubliches Schicksal", formelhafte Außenseiterballade usw. wach, doch dies alles ist geradezu nichtig gegenüber der angesprochenen Wucht und der Thema-konterkarierend wenig tristen, freshen, zwischen Glamour und Elend schwankenden Umsetzung des bitteren, aber sicher nicht wirklichkeitsfremden Stoffes.

Wenn etwa die Lehrerin Precious (der Filmtitel „Kostbar" oder „Wertvoll“ ist auch der pathetisch gewählte Spitzname der jungen Frau) bei sich zuhause aufnimmt, dort die Ultraharmonie herrscht und sie zu ihr sagt „I love you“, dann ist das natürlich enorm weit von einer sozialarbeiterischen Realität entfernt; dennoch wählt Regisseur Daniels in solchen per se etwas glitschig erscheinenden Momenten einen Stil, der gar eine surreale Interpretation zulässt.


"You got it?" - "Got what?" - "The Aids Virus." - "No." - "How do you know?" - "We never did it up in the ass, so I know."

Sicher einer der großartigsten (und gleichzeitig verstörendsten, aber doch so bitter wahrhaftigen) Dialoge des Filmjahres. Hier wird mit simpler Drastik klar vermittelt, wie wichtig Informations- und Wissensvermittlung sein kann: an Leute, die keine Bildung genießen durften und essentielle Dinge einfach nicht wissen. Das hat auch nichts mit „filmischer Belehrung“ oder ähnlichem Schwachsinn zu tun, sondern ist bloß eine von vielen hervorragenden, intelligenten, markerschütternden und positiven Szenen in einem monströsen, eigensinnigen, unglaublich schweren doch zugleich auch ungemein leichtfüßigen, grandios gespielten (Black) Hollywood-„Sozialdrama“.

Kommentare:

  1. Es gibt Leute (ich gehöre zu ihnen), die es üblicherweise vorziehen, die Romanvorlage, auf der ein Film basiert, nicht zu kennen - es sei denn, man hat es mit einer "Klassiker"-Verfilmung zu tun. Vielleicht darfst du dich also glücklich schätzen, einem Film, den ich mir jetzt merken werde, unvoreingenommen begegnet zu sein. Danke für den Tipp!

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  2. Hallo! Freut mich.

    Ich finde schon auch, dass es sehr schön sein kann, einen Film ohne die Vorlage, ganz unvorbereitet zu sehen. Und da es ja auch enorm viele Buchadaptionen (von etwas weniger bekannter Literatur) gibt, passiert das ja auch immer wieder mal. Mein Jahresliebling 2010 z.B. "Winter's Bone" hat mich im Kino so enorm gefesselt. Konnte auch nur passieren, weil ich den Roman vorher nicht kannte. Insofern ergibt sich da eigentlich ein schiefes Bild, wenn ich Filme bewerte: da ich die "The Road"-Verfilmung z.B. gegenüber dem fantastischen Roman nicht so ganz gelungen fand (Film ist immer noch gut, aber ich war halt leicht enttäuscht von einigen Dingen, dazu demnächst auch hier).

    Umgekehrt, wenn ich mitbekomme, dass ein Buch verfilmt wird, das ich sowieso lesen wollte, kann ich gar nicht anders, als mir den Film erst nach dem Lesen anzusehen. Geht einfach nicht. ;) Da geht die Leidenschaft für das "Originale Kunstwerk" noch über die große Filmleidenschaft. ;) Aber das ist eben der Nachteil: Kennt man das Buch, hat der Film meistens keine Chance mehr auf subjektiv erlebte Großartigkeit. Puh, zum Glück habe ich die Romanvorlage von "Space Odyssey" nie gelesen... :)

    Jedenfalls ist dieses "Push" anscheinend auch ein kleiner Klassiker. :) Wollte es mir auch damals beim Kinostart von "Precious" bestellen, aber irgendwas hielt mich dann doch davon ab. Hoffentlich war es nicht meine schlimme Lesefaulheit.

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  3. Was mir gerade noch einfällt: Eigentlich ist ja auch das Lesen eines Textes über einen Film schon eine gewisse Vorlage, die im Vorfeld bereits ein Bild eines Filmes entstehen lässt, den man noch gar nicht gesehen hat.

    Seit einigen Jahren versuche ich es so gut wie möglich zu vermeiden, zu viel über Filme zu lesen bevor ich sie ansehe bzw. Trailer mag ich auch gar nicht. Das führt dann oft dazu, dass mich Freunde fragen: "Um was geht es in dem angeblich guten Film, von dem wir noch nie etwas gehört haben, denn überhaupt?" Und ich muß oft sagen: "Keine Ahnung, der ist halt von Regisseur X, lief auf Festival Y oder gefiel Kritiker Z."

    Finde es auch beim Schreiben hier oft schwierig, nicht zuviel auf Details einzugehen und andererseits nicht zu oberflächlich zu bleiben. Im Zweifelsfall aber lieber weniger Text (schreiben/lesen/haben) und mehr Film erleben. :)

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  4. Da muss ich dir zustimmen - obwohl ich selber in meinen Besprechungen meist viel zu viel über Filme verrate. Es gibt natürlich Romanvorlagen, die man sozusagen 1:1 ins Medium Film übertragen kann (als seien sie für eine Verfilmung geschrieben worden). Eine von ihnen ist - horribile dictu! - Erich Segal's "Love Story", den mir eine verweinte Schülerin im Hinblick auf den schlimmsten Kinobesuch aller Zeiten in die Hand drückte. Auch Ira Levin's "Rosemary's Baby" gehört dazu. Bei Literatur, die einen gewissen Anspruch erhebt, ist eine vorherige Lektüre wiederum oft unumgänglich; und das scheint bei den Romanen von Sapphire, wie du bemerkst, der Fall zu sein (ich bin offenbar nicht mehr ganz auf dem Laufenden). - Ich weiche insbesondere den Kritiken übermässig gehypter Filme wenn möglich aus, weil sonst meist nur eine Enttäuschung folgen kann (z.B. denen zu "Black Swan", auf den ich mich einfach freuen möchte).

    Übrigens: Danke für die Aufnahme in deine Blogroll! Ich habe mich natürlich umgehend - und mit grossem Vergnügen! - revanchiert.

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  5. Gerne, gerne und danke auch.

    "Rosemary's Baby" kann ich mir als Literatur auch sehr gut vorstellen. Ich wusste zwar jetzt nicht mehr, dass der Film eine Vorlage hatte (q.e.d.), aber er fühlt sich ja schon so an. :)

    "bei den Romanen von Sapphire"
    Ich weiß gar nicht, ob die Dame mehr als einen (guten) geschrieben hat, also soo am Laufenden bin ich da auch nicht. ;)

    Übrigens finde ich es überhaupt nicht schlimm, ausführlich über Filme zu schreiben und auf wichtige Details einzugehen. Blöd ist halt nur, dass man nie weiß, ob die Leser das mit dem Lesen vor dem Ansehen auch so neurotisch durchziehen wie man selbst. ;)

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