11. Juli 2011

Loft (Erik van Looy) 6,88




Der Thriller um einen Mord in einer gemeinsamen geheimen Männer-Fremdgeh-Wohnung ist anfangs eher schwer zu ertragen. Nervige Typen und platte Dialoge (synchronisiert gesehen) machen einen gewöhnlichen Whodunit-Krimi (teilweise an The Usual Suspects erinnernd) jedenfalls nicht interessanter. Die fast kindlich sexwütigen, einfach gestrickten Männer stehen eindeutig im Vordergrund, während (ihre) Frauen fast nur am Rande vorzukommen scheinen und dann nur als passive Sexobjekte betrachtet oder verarscht werden – Tiefgang ist was anderes, man wird zunächst eher über die Plattheit zu lachen angeregt denn zum Mitfiebern. Interessant ist, dass alle Beziehungen hier eigentlich völlig am Ende sind und die Lust auf sexuelle Abenteuer das Interesse an einem funktionierenden Miteinander überflüssig macht. So gesehen haben wir es generell mit einem leicht blöden, oft geradezu lachhaften Film zu tun. Okay, er hat durchaus auch satirische Grundzüge, doch die bleiben sehr dezent und oberflächlich.

Dass alles aber dann doch noch besser wird, liegt vor allem daran, dass der Fall im letzten Drittel immer vertrackter wird und zumindest eine bis zwei Figuren doch an Profil gewinnen. Überraschend komplex ist die Situation am Ende geworden und auf spannend getrimmt und inszeniert wurde der Thriller, wenn schon nicht außergewöhnlich, dann zumindest ziemlich kompetent. Die Auflösung ist schon ziemlich übertrieben, aber es macht überraschend Spaß, sich mit ihr und den Folgen zu beschäftigen. Tödliche Affären ist schlußendlich also doch noch ein ganz netter Thriller geworden, passend für einen (trotz ganz wenigen düsteren Augenblicken) locker-trashig-heiteren Fernsehabend.

8. Juli 2011

David wants to fly (David Sieveking) 7,34




Stets unterhaltsam ist diese 1st Person-(Quarterlife-Sinnsuche-)Entertainment-Doku über transzendentale Meditation, vor allem die Szenen mit Vorbild und Vornamensvetter des Regisseurs, David Lynch, sind köstlich; auch wenn Sieveking (dieses naive Grinsen!) und seine Freundin manchmal mühsam zu ertragen sind, und der Film in Hälfte 2 in etwas ernstere, jedoch kaum neue Erkenntnisse bringende Sektenkritik mündet – der (leicht bemüht wirkend) schräge Film über ein schräg auswüchsiges Esothema liefert einige sehenswerte Aufnahmen (indisches Begräbnis, Innenansichten einer fragwürdigen Gemeinsachft) und macht schon Spaß – vor allem natürlich David Lynchs unaufhörlich flatternde Finger.

6. Juli 2011

The Tree of Life (Terrence Malick) 7,44




Ein in vielerlei Hinsicht gigantischer Film (auch was den Rummel um ihn herum angeht), doch insgesamt fällt das Resümee leider nicht begeistert aus, auch wenn Malick erfreulicherweise wieder deutlich besser ist als zuletzt mit The New World. Dass The Tree of Life aber wiederum nicht an die exorbitante Klasse der genial philosophierenden Kriegsmeditation The thin red line heranreicht (in dem Malick die Verbindung aus dem superben Gefühl für 'Natur filmen' und existenziell-tiefgründiger Unterlage bis jetzt am besten hinbekommen hat), liegt weniger an den fantastisch dahinfließenden Bildern, sondern am inhaltlichen – der mystisch-sakralen Grundstimmung des Films geht irgendwann die Luft aus, spätestens bei einem mehr als nur grenzkitschigen Ende.

Dennoch ist der Film die meiste Zeit ein Kinoerlebnis, lädt zum Staunen und wohlfühligen Grinsen ein: Opernhaft-schwelgerisch holt Malick im ersten Teil sogar evolutionär aus, um den Zuschauer auf eine grandios bebilderte, an experimentelle Filmkunst erinnernde Reise mitzunehmen, die allerdings außer großen Schau- und Hörwerten nicht besonders viel Tiefgang aufweist. Der zweite Teil verbindet diese wichtigen Elemente eines guten Films besser, und zwar mit einem unglaublich eleganten Bilder- und Bewegungsfluß (Malick kommt fast zweieinhalb Stunden quasi ohne Dialoge aus). Am schönsten ist an diesem Film vermutlich die Entwicklung des Kindes: fast körperlich spürbar macht die Kamera das unbeschwerte Herumtollen, große Momente für Kinder und Eltern auf der Leinwand transportieren Emotionen direkt in die Seele des Publikums, das ist schon beeindruckend und fast hypnotisierend, wenn auch diese „Reise“ niemals wirklich grundlegend originär ist. Außerdem stellt sich dann doch irgendwann Übersättigung ein und es beginnt das Nachdenken, was dieser (streckenweise, zumindest im Vorfeld überhypte) Film abseits seiner „sensorischen“(?) Extraklasse eigentlich (erzählen) will…

Und dann ist da eben noch dieses Ende. Tja. Wobei die letzten beiden Einstellungen ziemlich cool, weil ambivalent sind. Man könnte eigentlich, doch wirklich lange will man sich kaum Gedanken dazu machen. Dazu war der naiv-kitschige Anteil davor zu aufdringlich.

Rückblickend erfreut an diesem Werk vor allem die streckenweise großkotzig-schöne Seelenverwandtschaft zu Kubrick (bzw. seiner Space Odyssey), und die Parallelen zu Reygadas' ähnlich naturmystischem Stilles Licht fallen auf. Vielleicht kann man The Tree of Life am ehesten als sehenswertes Kinoerlebnis (in einem gänzlich anderen Sinne von überwältigender Optik als z.B. Michael Bays "Transformers" Filme) ohne wirklich profunde Bedeutung beschreiben. Gut möglich andererseits, dass es viele Leute gibt, denen dieser Film viel bedeutet, die in ihm etwas mystisch-spirituelles erleben. Doch die biblische Geschichte und Ausrichtung, dieses Streben nach ganz oben, ins ganz Große macht den Baum des Lebens im Vergleich mit auf bodenständigere Weise mitreißenderen Kinogeschichten vielleicht doch etwas kleiner als Rummel und Auszeichnungen uns weismachen wollen.

4. Juli 2011

Die Stille der Unschuld (Claudia Schmid) 8,11




Ein ruhiges, sich Zeit nehmendes, genau beobachtendes, stilistisch reduziertes, tolles Porträt des Künstlers Gottfried Helnwein bei der Arbeit. Schön wird der Kontrast zwischen einem sympathischen Familienmenschen und seinen teilweise verstörenden Bildern, die eine brutale, eine schreckliche Welt reflektieren, im Laufe des Films ersichtlich. Sicher ist diese Arbeit fast schon Special Interest-Programm für Kunst-Interessierte, und das obwohl tatsächlich Arnie mitspielt. Als Helnwein den alten Bekannten und Fan seiner Landschaftsbilder im Büro besucht und die beiden plaudern, wird es auch mal witzig bzw. leicht skurril.

Wenn Helnwein über die Bedeutung der Kunst im Allgemeinen, ihre Freiheit, u.ä. spricht, dann ist das nichts besonders Neues oder Aufregendes, aber es ist doch immer wieder schön, zu sehen, dass es Außenseiter-Künstler gibt, die ihr Ding durchziehen und so die Welt reflektieren, dem Publikum neue Perspektiven, eine andere Sichtweise eröffnen. Etwas, das Helnwein durch seine ausdrucksstarken Bilder (früher auch Aktionen) wesentlich besser gelingt als durch manche Aussagen gegen Ende des Films (z.B. wirkt es etwas daneben, Gefängnisse und Konzentrationslager in Zusammenhang zu bringen). Doch dies soll ja keine Bewertung von Helnweins Ansichten sein, zumal es die meiste Zeit in diesem feinen kleinen Film sogar sehr spannend ist, ihm zuzuhören bzw. bei der Arbeit zuzusehen.

3. Juli 2011

Pour Elle (Fred Cavayé) 5,27




Anstatt sich auf ein oberflächliches Thrillerchen mit dem Thema biederer Lehrer goes tough, weil er versucht seine Frau aus dem Knast zu holen zu beschränken, hätte mich an der speziellen Ausgangslage des Films ein Justizdrama mehr interessiert. Worum geht es hier? Eine unbescholtene Frau kommt eines Abends in eine Tiefgarage, eine andere Frau streift sie im Vorbeigehen (Blut am Mantel). Sie findet einen Feuerlöscher neben dem Auto liegen, den sie wieder hinstellt, und fährt dann weg. Zurück bleibt eine Leiche neben dem Auto, den Mord hatte die unbekannte Mantelstreiferin mit dem Feuerlöscher begangen: die Spuren führen nun aber nur zu unserer Unschuldigen.

Wie es sein kann, dass man wegen so etwas zu einer jahrelangen Haftstrafe verurteilt wird, bzw. wie die Betroffenen vor Gericht dagegen ankämpfen, wäre vielleicht auch etwas blöd, aber spannend gewesen. Oder wenn man sich mehr darauf konzentriert hätte, wie die unschuldig verurteilte Frau im Knast unter ihrem Schicksal leidet und womöglich daran zerbricht. Diese dramatische Geschichte jedoch nur aus der Perspektive des Ehemanns darzustellen, ist zwar ein Ansatz, der nicht kritisierbar ist und in der Theorie auch gar nicht schlecht. Doch der Film ist kein Psychogramm, er bleibt viel zu sehr an der Oberfläche und bietet da nur Prison Break-light Spannung, was garantiert niemanden vom Hocker reißen kann.

Ganz nette Unterhaltung hätte man mit Bauchweh noch sagen können, wenn dieser Stoff nicht noch viel mehr hergegeben hätte. Ein Vergleich mit dem thematisch nicht unähnlichen Klopka kommt in den Sinn, der schon auch nicht grandios, aber doch deutlich gelungener und intensiver als Ohne Schuld war.

Schwer zu sagen ist, ob das US-Remake von Paul Haggis (The next three days) interessanter ausfiel, doch zumindest ist anzunehmen, dass jener, sollte er auch keinen komplett anderen Weg als Cavayé gegangen sein, wenigstens der Figur des Ehemanns viel mehr Tiefe gegeben hat, als es im mauen französischen Original geschah.

2. Juli 2011

Source Code (Duncan Jones) 7,19




Sehr unterhaltsamer Sci-Fi Thriller mit einem coolen Setting (der fahrende Zug mit Bombe, immer wieder diese 8 Minuten Zeit, aber keinen Plan), aber ohne die Erklärung des Codes genau mitbekommen zu haben, scheint dieses ganze Konstrukt (in eine Erinnerung einzutauchen, aber diese Erinnerung in einem Paralleluniversum subjektiv nach Lust und Laune zu verändern, auszudehnen und gar zu sprengen) doch ziemlich blöd und nicht mal ansatzweise plausibel. Ohne eine „Ist das unrealistisch“-Haltung einzunehmen, trübt es den unterhaltsamen, kurzweiligen und wie Moon wiederum humanistischen und leicht philosophischen Film im Nachhinein etwas und führt zum retrospektiven Punktebazug: ansonsten aber schöne, tight inszenierte, gewitzte Unterhaltung mit einer eben nicht ganz schlüssigen, aber dennoch erfrischenden Murmeltiertag meets Terroristenthriller-Idee.

1. Juli 2011

Schwarzkopf (Arman T. Riahi) 5,30




Eher oberflächliche Rapdoku, die es versäumt, die Migrations- (und mögliche „Integrations-“) thematik auszunützen für eine clevere Reflexion. Stattdessen werden bloß junge Männer gezeigt, die ihr Straßen- (besser gesagt Wett- und Zocker- und Abhäng-) Leben romantisieren und ihre stets gezeigte „Coolness“ nie ablegen.

Dem Hauptdarsteller bzw. Hauptporträtierten Nazar fehlt schlicht Charisma (eine schwache/bemühte Bushidokopie?) - wenn der deutsche Rap-Produzent beim ersten Hören seiner Raps sagt: "das schockt mich einfach nicht (mehr)", dann beschreibt das auch diesen leider oberflächlichen Film ganz gut. Er gibt zwar kleinere Einblicke in ein Lebensgefühl, doch ist das (bis auf kleine Ausnahmen, etwa einer Schilderung eines unfassbaren, rassistischen Polizistensagers) kaum aufregend oder spannend, weder in unterhaltsamer noch in tiefergehender Hinsicht. Von diesem Film und seinen Figuren hätte man sich etwas mehr erhoffen können, so fehlt Tiefenprofil – ob Riahi es verabsäumt hat, diesem nachzuspüren oder ob es den Porträtierten schlicht daran mangelt?