17. März 2010

The Genius and the Boys (Bosse Lindquist) 8,75




...ist zunächst einmal eine formal konventionelle, dokumentarische Wissenschafterbiographie mit Fotos, Videoaufnahmen des Porträtierten und mit Interviews von berühmten Forschern, die das Leben ihres Kollegen und Freundes Carlton Gajdusek kommentieren.

Trotzdem ist dieser Film außergewöhnlich, unglaublich, spannend und faszinierend. Der Grund liegt in Gajduseks Persönlichkeit, einem Geist zwischen Genie und Wahnsinn. Der jüngste Medizinabsolvent der USA, Nobelpreisträger für seine revolutionäre Forschungsarbeit, ein willensstarker Eigenbrötler, der seinen unkonventionellen Weg erfolgreich beschritten und viel Gutes für und in dieser Welt getan hat.

Aber da sind ja noch seine boys, die der erfolgreichen Vita bittere Schattenseiten hinzufügen: seine Liebe zu Kindern, die er nicht nur darin auslebte, dass er afrikanische Kinder zu Dutzenden adoptierte und von ihren Stämmen in die amerikanische Zivilisation brachte und ihnen den Zugang zu Bildung und Wohlstand ermöglichte. Viele von ihnen sind ihrem Ziehvater dafür dankbar, doch das ist nicht alles: Gajdusek hat eben eine sehr eigene Auffassung der Kinderliebe...

Gajduseks Forschungreisen, die Aufnahmen und Tagebuchberichte über die kannibalistischen Stämme und deren homosexuelle Riten, welche Gajdusek amüsiert, fasziniert und begeistert haben, sind auch für den Zuschauer sehr interessant aufgearbeitet. Man taucht hier (leicht) in eine Welt ein, die uns Mitteleuropäern so unfassbar wild erscheint und so fremd ist wie nichts anderes: Beklemmung und Faszination stellen sich ein, wie es bei einem fiktiven oder fiktionalisierten Zugang niemals möglich wäre. Dazu wird die Charakterisierung Gajduseks immer schräger, bis schließlich er selbst, am Ende des Films, Reden vor der Kamera hält, die einen nur noch ungläubig dasitzen lassen.

Lindquist spielt geschickt mit den moralischen Standpunkten und Diskussionen rund um Gajduseks sexuelle Vorlieben und die sicher absurde Frage nach der kulturell bedingten Berechtigung hierzulande verbotener sexuellen Praktiken mit Minderjährigen, bevor er letztendlich klar macht, wie bizarr und verzerrt die Einstellungen des wissenschaftlichen Genies sind. Die Persönlichkeit Gajduseks ist extrem komplex; dass er kein schlechter Mensch ist, wird von Lindquist im Laufe des Films genauso gut herausgearbeitet wie seine fatalen Fehlhandlungen...ich könnte zu diesem Werk vermutlich noch ewig weiterschreiben, ein großartiges, diskussionswürdiges und diskussions- und gedankenanregendes, finsteres Porträt über die Komplexität und die Existenz extremer Ausläufer der menschlichen Psyche - bzw. um körperliche Vorlieben und Bedürfnisse und die Frage, wo denn überhaupt Liebe bzw. angenehme Gefühle aufhören und Mißbrauch bzw. psychische und physische Gewalt beginnen. Ein Monsterwerk.

Kommentare:

  1. Gehst aber ganz schön ab in letzter Zeit ;)

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  2. :)

    Solange gute Filme was Produktives aus mir rauskitzeln, ist alles in Ordnung. :)

    Die Watchlist nimmt ja sowieso nie ein Ende...

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  3. Meine Anzahl an Neusichtungen der letzten drei Wochen: Eine. Aber dazu kommt noch "Dexter", den ich mir jetzt als "Lost"-Ersatzdroge reinziehe. Wirkt ein bisschen anders.

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  4. Ach..Dexter suckt.

    Das ist so eine Pseudo clevere, kontroverse, aber in Wahrheit eher doofe Serie, finde ich :)

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  5. Das musst Du jetzt mal etwas ausführlicher erklären - aus dem Blickwinkel eines Psychologen.

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  6. Puh, also erstens liegt die 1. Staffel, die ich auch nur so halbherzig gesehen habe, auch schon eine Zeit zurück, sodass ich mir eine ernsthafte Kritik da gar nicht erlauben mag, ich kann nur so meine Eindrücke wiedergeben, als ich sie damals gesehen habe ;)

    Ich konnte mit diesem "Mitfiebern" mit einem Serienkiller jedenfalls wenig anfangen und finde es einfach dämlich. Sicher ist die Idee sehr kreativ, aber ich halte sie für eine amerikanische Fernsehserie einfach sehr heikel, das geht mir zu sehr in Richtung "Todesstrafe ist okay", "ist doch eh cool, wenn die Schweine umgebracht werden", usw..
    Diese Haltung wird doch trotz der ironischen Brechung recht platt transportiert, oder irre ich mich da?

    Dieses hochglanzartige, stilisierte Zelebrieren der Morde (quasi jede Folge das Gleiche am Schluß, gähn), was soll mir das als Zuschauer bringen? Ich finds einfach nervig und öde.

    Sicher ist das auch etwas pseudomoralisch von mir (schließlich schaue ich gleich Okami und erfreue mich an Metzeleien :) ), aber mir gefällt das Prinzip der Sendung nicht, die sich mit einer kontroversen Idee brüstet, aber, zumindest kann ich das nur nach Staffel 1 beurteilen, im Endeffekt auch nur eine 08/15 Thrillerserie ist: Wer ist denn der Killer? Wird er erwischt? Die Polizei tappt völlig im Dunkeln, aber der "Held" kann ihn fangen? usw, usf. Das wäre schon als Film langweilig, aber als Serie?? Es wird von Folge zu Folge langweiliger anstatt spannender. Da geht mir zuviel Zeit drauf, die ich sinnvoller verwenden kann ;)

    ...

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  7. Vielleicht sind sie auf der psychologischen Ebene gar nicht so schlecht, aber auch dieser sarkastische Unterton der Serie passt in meinen Augen nicht zu so einem beängstigenden Thema. Ein Serienkiller ist immer eine verstörende Persönlichkeit und bei Dexter wird zwar Radikalität vorgeheuchelt, finde ich, aber letztlich das Thema doch wieder zu leicht konsumierbarer Unterhaltung abgeflacht, das spießt sich in meinen Augen (vielleicht gar nicht grundsätzlich, aber in dieser Form schon) und daher mag ich die Serie nicht. Die Spannung eines solchen Charakters liegt eben nur in seiner Psyche und weniger an einer Krimihandlung, die sich über zig Folgen hinzieht.

    Ob Dexter jetzt generell "psychologisch korrekt" ;) ist, mag ich so gar nicht beurteilen, ist ja auch egal, es ist ja kein wissenschaftliches Seminar..aber ich fand es nichtmal besonders unterhaltsam, liegt daran, dass mich alles, was so in die Krimirichtung geht, einfach langweilt. Und wenn man sich für Serienkiller interessiert, gibt es sicher andere Wege, z.B. mit Recherchen von realen Fällen, sich damit zu beschäftigen. ;)

    Und alleine die Auflösung des Killers in Staffel 1 und die dazugehörigen klischeehaften Hochglanzbilder wie er seine Opfer zerlegt, das fand ich sowas von abgelutscht und fad, ganz schlimm..

    Es gibt ja sehr viele Fans von Dexter, aber für mich ist es gegenüber großartiger, komplexer und wirklich innovativer Serien wie Six Feet Under und was es noch so alles gab und gibt, ein Rückschritt in eine ziemlich öde Richtung, deshalb hab ich mich auch nur recht halbherzig damit beschäftigt. ;)

    Soviel kurz nach dem Aufstehen ;)

    Ich bin ja immer dran interessiert, was man da Gutes und Interessantes dran finden kann, also freu ich mich auch über eine ganz andere Ansicht. :)

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  8. Es ist eh gut, dass wir uns gerade anhand dieses geposteten Films darüber unterhalten, denn wenn man diese Dokumentation über Gajdusek zum Vergleich hernimmt, ist das doch hundertmal verstörender, faszinierender, aufregender und spannender als der von irgendwelchen Autoren erdachte Dexter ;)

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  9. Ich muss ja zugeben, erst ab der 2. Staffel so richtig dabei zu sein (mir war sonntags irgendwann langweilig und RTL2 ist zum Glück nicht so schnell, da stieg ich dann ein). Von der ersten Staffel sah ich nur die ersten beiden Folgen irgendwann mal. Denke aber, dass ich das grobe Geschehen handlungstechnisch überblicke.

    Das Konzept ist also schon das Unangenehme für Dich. Kann ich nachvollziehen. Kann ich ich im Prinzip auch nicht widerlegen, dass die Selbstjustiz heikel ist. Ich finde, es gibt da aber doch noch Unterschiede zu Selbstjustizreißern wie bsp. Vier Brüder, 96 Hours, Mann unter Feuer, die mir gerade so einfallen und die ich aufgrund des Themas allesamt untragbar finde. Dort wird sich absolut ernst genommen, persönliche Wut- und Vergeltungsgedanken, die die Figuren antreiben und auch zur Tat schreiten lassen und die Justiz eigenmächtig in die Hand nehmen. Dexter killt zwar auch nur die "Bösen" (anders kann das Konzept moralisch dann auch nicht funktionieren), aber er macht es eigentlich erst sekundär (wenn überhaupt) der Gerechtigkeit wegen. Er muss töten und wenn er das schon muss, dann wenigstens die Bad Guys.

    So einen Typen als Serienhelden zu haben, ist natürlich immer noch problematisch, klar. Einerseits aber wird das Ganze durch reichlich Sarkasmus gebrochen, andererseits vesucht man, zumindest in Staffel 2 jetzt, seiner Natur näher auf die Gründe zu gehen. Seine ganzen Leichen werden entdeckt. Trittbrettfahrerei wird da bsp. thematisiert und die Wahrnehmung in der Bevölkerung (die ihn tatsächlich teilweise als Helden feiert). Oder er geht zu 'ner Selbsthilfegruppe und setzt sich tatsächlich mit seinen Dämonen auseinander.

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  10. Ja, es kann ja sehr gut sein, dass die Serie da eine trotz der Problematik noch recht reflektierte und intelligente Linie fährt (gerade gegenüber diesen Filmen, die du ansprichst), aber mich haben sie einfach in Staffel 1 über mehrere Folgen hinweg nicht "gekriegt", ich fand, dass die spannenden Fragen nicht so gut behandelt wurden, dass es mich für die in meinen Augen etwas öde Krimihandlung genügend entschädigt.

    Grundsätzlich ist die Figur schon sehr spannend, und vielleicht wird es ja auch besser..kann gut sein :)

    Aber gerade diesen Kniff, dass er eben die Bad Boys killen "muß", den fand ich, obwohl er ja so clever wirkt, ein wenig kindisch, nämlich vor allem einfach nur dieser in Amiland ja recht gern gesehenen Thematik der Selbstjustiz als Legitimierung dienend.

    Naja.. :)

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